Swiss-Indian Classroom: Noch nie so nahe am Äquator

Das Mittagessen auf einem Bananenblatt (Foto: Jasmin Helbling)
 
Hier treffen drei Meere aufeinander. Links: Vivekananda-Denkmal, rechts: Tiruvalluvar-Statue (Foto: Jasmin Helbling)
Trivandrum – Samstag, 6.1.18: Still. Pause. Rast. Mein Herz ist beinahe stehen geblieben diesen Morgen, als ich dachte, ich könnte mich nochmals drehen im Bett. Nicht bedacht bei dieser Aktion habe ich, dass mein indisches Bett viel schmaler ist als mein gewohntes. Ich bin also aus dem Bett gefallen. Das Gute daran: Ich war sofort wach.
Aufstehen, Zähne putzen, essen, nochmals Zähne putzen. Diesen Rhythmus habe ich mir so angewöhnt, da meine indische Familie von mir erwartet, dass ich mich vor dem Essen fertig mache (inkl. Zähne putzen), ich mich aber gewohnt bin, als allerletztes die Zähne zu putzen. Ich fühle mich so ein wenig, als ob ich zwei Kulturen vermischen würde, und dieser Gedanke gefällt mir irgendwie.
Wir sind im Bus und werden kräftig durchgeschüttelt. Wir leben an der physikalischen Grenze, wenn wir über diese gemein-gefährlichen Wurzeln fahren. Ich denke, uns bräuchte nur ein zarter Windstoss zu berühren und wir kippten um.
Nach dieser holprigen aber abenteuerlichen Fahrt sind wir nun am Padmanabhapuram Palast angekommen. Das ist der Palast eines indischen Königshauses, welcher 1601 eröffnet worden ist. Wir sehen alle möglichen Räume. Unter anderem das Schlafzimmer des Königs, das seiner Mutter, der Ess-Saal und viele weitere. Auffällig finde ich, dass fast alles aus Holz gebaut ist. Dies macht es für mich sehr „heimelig“. Dennoch ist es sehr heiss in der Mittagssonne und das ständige „stop and go“ wirkt ziemlich ermüdend.
Es war ein beeindruckender Einblick, den wir in das Leben einer solchen Königsfamilie erhielten, doch sind wir auch wieder froh, im gekühlten Bus zu sitzen und einen Mango-Saft geniessen zu dürfen.
Das Mittagessen wird uns auf einem Bananenblatt serviert. Das ist für uns alle etwas Neues. Darauf werden Reis und verschiedene Currys mehr oder weniger sorgfältig platziert. Die verschiedenen Techniken der Schweizer, mit den Händen zu essen, sind sehr amüsant zu beobachten. Mehr daneben als in den Mund. Schmecken tut es trotzdem.
Nächster Halt, nach langem Holpern, ist Kanyakumari. Der am südlichsten gelegene Ort Indiens, wo sich drei verschiedene Meere treffen: der indische Ozean, das arabische Meer und der Golf von Bengalen. Ich spüre sofort, dass wir näher am Äquator sind – Meine Haut „brutzelt“ nur so vor sich hin unter der glühenden Sonne. Sonnencreme sei Dank!
Bald sind wir auf einem schaukelnden Schiff, welches uns zum Vivekananda-Denkmal bringt. Von dort aus sieht man 360 Grad Schönheit. Vorne das Meer, welches eigentlich drei Meere sind, hinten die Stadt Kanyakumari und zur Seite die grosse Tiruvalluvar-Statue. Positionieren, lächeln und „cheeese“.
Als wir wieder auf dem Festland sind, wird uns gesagt, dass wir nun etwas Zeit hätten, durch die Läden zu flanieren und möglichst viel zu kaufen. Ich entscheide mich für Schmuck, Räucherstäbchen, Bananenchips und Gewürze. Soweit so gut. Bis die Bettlerkinder kommen. Ich ertrage das nicht. Ich möchte ihnen mein ganzes Vermögen geben, doch ich werde von meinen Kolleginnen daran erinnert, dass ich damit die Organisation, die dahinter steckt, nur unterstützen würde. Es zerreisst mir das Herz, die ausgehungerten Körper und die traurigen, müden Augen der Kinder zu sehen. Sie sollten doch voller Energie und Lebensfreude strahlen.
Zum Glück müssen wir weiter zum Ghandi Memorial. Auch wenn die erschöpften, leeren Augen der Kinder mich noch lange verfolgen werden. Vom Ghandi Memorial und allem, was der Mann uns erzählt, bekomme ich leider nicht so viel mit. In Gedanken bin ich immer noch bei den Kindern.
Erst die rote, untergehende Sonne kann mich wieder ein wenig wachrütteln. Es sieht so schön aus, wenn sie alles um mich herum in oranges Licht färbt.
Die Rückreise ist auch ein tolles Erlebnis. Ich sitze gern im Bus und schaue einfach hinaus – ich denke, man kann so schon sehr viel von einem Ort erfahren: Die Menschen, die Häuser, die Strassen, die Läden, die Natur. Einmal kommen wir an so etwas wie einem Zirkus vorbei und wir sehen Elefanten und heilige Kühe.
Als ich zuhause in mein Bett falle, bin ich so erschöpft, dass mir nur der zufriedene Gedanke „Heute war unglaublich“ in den Sinn kommt. Ich nicke sofort ein.


** Diese Kolumne ist im Rahmen des interkulturellen Austauschprojektes «Swiss-Indian Classroom» entstanden. 19 Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Alpenquai Luzern (Ergänzungsfach Religionskunde und Ethik) besuchten im Januar 2018 im südindischen Bundesstaat Kerala die Partnerschule «Christ Nagar Englisch Higher Secondary School» in Trivandrum. Dort arbeiteten sie zusammen mit indischen Jugendlichen an einem gemeinsamen Projekt zur interkulturellen Kommunikation.
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