Checksch de Pögg?

„Checksch de Pögg?“ fragt Kathi. „Welchen Bock soll ich checken?“, erwidere ich etwas irritiert. Wir stehen inmitten von 10 Menschen und die gute Frau fragt mich lauthals über mein Liebesleben aus. „Nein, nein. Ob du Finanzmathe kapiert hast?“ Ach so…na toll, mal wieder einer dieser Ausdrücke, den ich nicht verstehe. Ich muss lachen. Und weinen. Irgendwie beides.

Ich bin schon fast fünf Jahre hier und verstehe immer noch nicht alles. Als Kroatin, die 22 Jahre in Deutschland lebte, sollte ich eine Fremdsprache doch viel schneller verstehen können. Bevor ich hier her zog, beschloss ich, mich haargenau über die Schweizer Kultur zu informieren. Denn eines wollte ich unter gar keinen Umständen: NEGATIV AUFFALLEN! Ich las also etliche Berater wie „Kulturelle Unterschiede Deutschland/Schweiz“, „Gebrauchsanweisung für die Schweiz“ oder auch „Was Deutsche nicht hören wollen und Schweizer nicht zu sagen wagen“. Letzterer machte mich ein wenig stutzig. Auch online wurde ich natürlich schnell fündig. Hier eine Zusammenstellung dessen, was mir gesamthaft für die ersten Integrationswochen in der Schweiz geraten wurde:

• Backen Sie beim Einzug einen Kuchen und verteilen Sie diesen bei den Nachbarn.
• Grüssen Sie alle Personen, denen Sie auf der Strasse begegnen.
• Benutzen Sie jeweils den Zebrastreifen, wenn Sie über die Strasse laufen.
• Heben Sie jeglichen Müll von der Strasse auf und werfen Sie ihn in eine Mülltonne.
• Beginnen Sie jeden Satz, in dem Sie jemanden zu etwas auffordern möchten mit „Sie, entschuldigen Sie mal. Könnten Sie eventuell, unter Umständen, wenn es Ihnen nichts ausmacht…“. Und beenden Sie ihn mit „Aber nur, wenn es Ihnen keine Mühe bereitet.“

Ich muss zugeben, ich hatte ein wenig Angst und nahm mir daher vor, das alles Punkt für Punkt umzusetzen. Ich schrieb eine Liste, die ich von da an in meiner Jackentasche mit mir herumtrug. Wer hätte gedacht, dass ich die Chance, mein Können zu beweisen, innerhalb kürzester Zeit bekommen würde. Beim Einzug in meine neue Wohnung beschloss ich, sofort einen Kuchen zu backen. Gott sei Dank zählen Küchen hier zur Standardausstattung. Die Firma Leisi half mir dabei, indem sie einen fertigen Kuchenteig in eine zugeschweisste Plastiktüte abfüllte. Ich musste also nur noch den guten Ofen bedienen können. Gesagt, getan. Stolz machte ich mich auf den Weg durchs Treppenhaus, stark gewillt bei allen zu klingeln und jedem ein Stück Kuchen anzubieten. Keiner war im Hause, ausser „Hürlimann“. Ich klingelte „Ding, Dong“, und die Tür öffnete sich. Frau Hürlimann sah mich erschrocken an und sagte: „Sie sind die neue Nachbarin, gälled Sie? Mein Gott, Sie sind der erste Mensch, der mir einen Kuchen beim Einzug bringt.“ Aha. Na gut. Ist vielleicht eine Ausnahme. Ich überliess ihr Leisis gesamtes Werk.

Einen Tag darauf auf dem Weg zum Bus, der mich in die Stadt Luzern bringen sollte, benutzte ich jeweils den Zebrastreifen, wenn ich über die Strasse lief und fühlte mich sehr schweizerisch. Ich stieg in den sehr sauberen Bus und freute mich, als mir beim Aussteigen der schöne Vierwaldstättersee zuzwinkerte. Mein Ziel jedoch war es, in einer Boutique ein paar sehr schweizerische Geschenke zu kaufen und diese an meine kroatische Familie zu verschicken.
Ich fand einen „härzigen“ Laden, der Luzern T-Shirts anbot. Leider gab es keines mehr in M. So fragte ich die nett aussehende Verkäufern: „Sie, entschuldigen Sie mal. Könnten Sie mir eventuell, unter Umständen, wenn es Ihnen nichts ausmacht dieses T-Shirt hier auch in M bringen? Aber nur, wenn es Ihnen keine Mühe bereitet.“ Die Frau sah mich an, runzelte die Stirn und entgegnete: „Wüsset Sie. Sie müssen mir jetzt schon sagen, was Sie genau wollen.“ Während die Dame letzten Endes das Shirt mit dem Luzern-Print in eine Luzern Tüte einpackte, zog ich langsam die Checkliste mit den Do’s und Dont’s aus meiner Jackentasche. Desillusioniert zerknüllte ich sie mit leicht aggressiver Energie zu einem ballähnlichen Etwas und warf sie trotz allem, um nicht negativ aufzufallen natürlich, in den Güsel. Seit diesem Vorfall habe ich weder einen Kuchen gebacken, noch bin ich, wenn ich eine Frage gestellt habe, mit der ganzen Kirche ums Dorf gelaufen.

Wenn mir jedoch ein Stück Müll auf der Strasse begegnet und ich diesen in einen der „Luzern glänzt“-Mülleimer werfe, werde ich immer wieder gelobt mit dem Satz: „Hey Mel, du bist ja schon eine richtige Schweizerin! Versuch einfach niemals, Schweizerdeutsch zu reden.“ Keine Angst. Das werde ich nicht. Denn zumindest diesen Pögg hab ich gecheckt.
1 Kommentar
675
Meike Seele aus Luzern | 12.09.2012 | 14:33  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.