Irak: Eine Luzernerin in der Ninive-Ebene und in Mosul

Lucia Wicki-Rensch, Informationsbeauftragte bei «Kirche in Not (ACN)» Schweiz/Liechtenstein
 
Christliche Mädchen in Karakosch, Irak
 
Das zerstörte Mosul
 
Besuch bei Christen in der Ninive-Ebene



Was al-Kaida mit den ersten grossen Anschlägen 2004 auf die Christen im Irak begann, setzt der IS mit seiner Invasion im Sommer 2014 fort: Die schwächste Bevölkerungsgruppe wurde angegriffen, um einen Bürgerkrieg anzuzetteln. Durch Terror sollte die sich abzeichnende Spal-tung im Irak verstärkt werden. Die Saat ist aufgegangen: Der Bürgerkrieg von 2006 bis 2008 forderte Hunderttausende von Toten. Es folgten Flucht und Vertreibung, mit der Folge, dass die Siedlungsgebiete heute weitgehend nach Religionszugehörigkeiten organisiert sind. Verglichen mit dem Jahr 2004 lebt heute nur noch ein Drittel der damaligen Christen im Irak – es sind dies noch rund 250 000.

Text verfasst von Lucia Wicki-Rensch - aus Luzern*

Das chaldäisch-katholische Wallfahrtskloster St. Barbara (Mart Barbara), bekannt als die erste chaldäisch-katholische Kirche Iraks, liegt auf dem Hügel vor den Toren des christlichen Dorfes Karemles. Der IS besetzte das Kloster und nutzte es als strategischen Bunker, um so das Dorf kontrollieren zu können. Rund um das Kloster gruben Angehörige der Terrorgruppe einen Tunnel und beförderten den Sand – möglichst unauffällig, um unentdeckt zu bleiben – direkt in die grosse Wallfahrtskirche des Klosters, die schlussendlich bis etwa zu zwei Dritteln zugeschüttet war. Auch das Grab der hl. Barbara, der Altar und eine 120 Jahre alte Ikone lagen unter Sand, wie uns der einheimische chaldäisch-katholische Abuna Thabet Paulus, Vorsteher der Pfarrei in Karemles, berichtete. Dies geschah während der IS-Besatzung zwischen 2014 und 2017.
In Karemles soll im Jahre 331 v. Christus die Schlacht von Gaugamela unter Alexander dem Grossen stattgefunden haben. Dieser Ort wie auch andere in Mesopotamien erlebten allerlei Attacken, Zerstörung und Plünderung – in der Antike, aber auch in der Gegenwart. Im Sommer 2014 marschierte der IS in Karemles und in andere Dörfer der Ninive-Ebene ein. Unter anderem gerieten auch Karakosch, Bartella, Batnaya, Telekef und Teleskuf unter seine Herrschaft. Besonders gravierend waren die Zerstörungen in Mosul, der ehemaligen Hochburg des IS.

Leid – tief im Herzen

«Was der IS uns angetan hat, ist schwer zu vergessen» sagt Yousif, ein friedlicher, freundlicher Mann. Was ihm, seiner Familie und den Christen des Iraks in der Nacht vom 6. auf den 7. August 2014 von islamistischen Extremisten angetan wurde, ist für ihn schwer zu vergessen. Mitten in der Nacht musste das ganze Dorf fliehen als der IS einmarschierte. Zurück blieben einzig 13 alte Leute, die nicht transportfähig waren. Panik ergriff sie als die Dschihadisten unaufhaltsam vorrückten. Bereits im Juni ergriffen Christen die Flucht, als sie vernahmen, dass der IS Mosul eingenommen hatte. Damals flohen aber nur rund 70 bis 80 Familien. Im August 2014 war die Flucht aus Karemles aber endgültig. 900 Familien liessen alles zurück und suchten im christlichen Teil des kurdischen Erbil, im Stadtteil Ankawa, Zuflucht. Auch Yousif lebte dort mehrere Tage mit seiner Familie - auf der Strasse. Auf dem blanken Boden schliefen sie. Zu gross war der Ansturm der 120 000 Christen, die aus allen Teilen des Irak, vorwiegend aus der christlichen Ninive-Ebene, in Erbil eintrafen. Bald darauf wurde Yousif und seiner Familie ein Flüchtlingscontainer zugewiesen, in dem sie zusammen anderen Familien wohnen konnten. Solche Container stellte damals „Kirche in Not“ Tausenden von christlichen Familien zur Verfügung. Alleine hätte sich Yousif diese Bleibe nie leisten können, denn Arbeit fand er keine. Eine Rückkehr nach Hause in die Ninive-Ebene war erst im Herbst 2017 wieder möglich. «Ich war schockiert, als ich unser Dorf wiedersah. Soviel Zerstörung! Besonders schlimm für mich war, dass unser Haus komplett leer stand, alles wurde gestohlen», erinnert sich Yousif. Er weiss bis heute nicht, wer sein Haus geplündert hat. Waren es Kämpfer des IS oder Nachbarn der muslimischen Nachbardörfer? Mit dieser Ungewissheit muss Yousif leben.

Christen unter Druck – auch heute

„Die Strassen, auf denen wir fahren, stammen noch aus der Zeit Saddam Husseins“, erklärt Abuna Paulus Sati, chäldaisch-katholischer irakischer Priester, dessen angesehene Familie aus Karemles stammt. Er begleitete die Schweizer Delegation, die in der letzten Septemberwoche die christlichen Dörfer der irakischen Ninive-Ebene im Norden des Iraks besuchte. Das Ziel dieser Projektreise war, die Spuren der Verwüstung im christlichen Stammland des Iraks anzuschauen und den Wiederaufbau der Häuser, Klöster und Kirchen, die der IS durch seinen «Traum eines Kalifats» mit der Taktik der verbrannten Erde anrichtete, zu beobachten. Schafsherden frassen links und rechts der Strasse das trockene und karge Gras. In diesem Jahr sorgte eine besonders heftige Dürre für noch kärglicheres Futter als in früherer Zeit. Vorbei an den kurdischen Posten ging es hinein in den von der Zentralregierung in Bagdad kontrollierten Irak. 30 Kilometer lang fuhren wir durch das „ethnische Mosaik“ des Nordirak. In diesem Gebiet leben Turkmenen, Christen, sunnitische Araber, Jesiden und die Schabak. Auf bis zu 400 000 Menschen wurde diese ethnische Gruppe vor 2014 geschätzt. Sie lebten vorwiegend in der Ninive-Ebene. Die Dörfer der Schabak sind oft heruntergekommen. Die Schabak, meist Schiiten, hatten unter dem Hass des IS zu leiden. Die Schiiten, die sogenannten Rafidin (Abtrünnige), standen in der Skala der Verachtung noch tiefer als die Christen. Doch anders als die Christen haben die Schiiten in der Region des Nahen Ostens mächtige Freunde. Es sind dies nicht nur die schiitischen Politiker in Bagdad, sondern auch Ajatollah Khamenei, der oberste Führer des Iran, von dem in den Dörfern überall Plakate hängen. Sein Arm reicht bis hierher.
„Die Schabak wollen unser Land, was ein grosses Problem für die Christen ist“, meint der syrisch-orthodoxe Abuna Jakob, Pfarrer in Bartella, knapp. Das Problem davor, das war der IS. „Ich war der Letzte, der im August 2014 ging, und der Erste, der wiederkam.“ Tränen, so erinnert sich der Geistliche, seien ihm gekommen, als er erstmals wieder die Glocken läutete. Abuna Jakob führt durch seine frisch renovierte Pfarrkirche. Sie strahlt weiss und golden. Einzig eine verkohlte Kapelle im Seitenschiff erinnert an die Dschihadisten. „Diese Kapelle hat der IS beschädigt. Das lassen wir als Zeichen der Mahnung.“ Seit Oktober 2016 ist Bartella vom IS befreit, doch nun beschäftigen ihn und die christlichen Bewohner die Schabak. Gab es 1980 nur zwei Schabak-Familien im Dorf, sind es heute mehr als 20% aller Bewohner, mit steigender Tendenz. Der Grund für den demografischen Mikrokonflikt in Bartella ist die hohe Geburtenrate der Schabak – und die Tatsache, dass viele Christen mehr denn je bereit sind, ihr Land zu verkaufen. Die Kirche versucht die Gläubigen davon abzuhalten. Aber wer alle seine Ersparnisse während des Exils in Kurdistan aufgebraucht hat oder bereits im Ausland lebt beziehungsweise dorthin emigrieren will, benötigt das Geld aus dem Landverkauf. Nicht alle können sich ihre Heimatliebe leisten. „Ich werde mein Land niemals an die Schabak verkaufen“, meint Ibrahim entschlossen. Der 63-jährige Bauer trägt die bodenlange Galabaia, das traditionelle Gewand der Männer Kurden. Sein imposanter Schnauz wie auch sein Haupthaar schimmern in makellosem Schwarz. Auf dem Land seiner Familie baut er Getreide, Kichererbsen und Sonnenblumen an. Sieben Kinder hat er – von denen kein einziges mehr im Irak lebt. Sie sind in der Türkei und in Europa. Ibrahim fordert seine Kinder immer wieder auf, zurückkommen, aber sie wollen dies nicht, weil es hier keine Arbeit und keine Sicherheit gibt. Ibrahim gibt sich deshalb keinen Illusionen hin: „In zwanzig Jahren gibt es hier keine Christen mehr.“ Dabei macht Bartella derzeit einen ganz anderen Eindruck – überall sind Christen präsent. An allen Ecken und Enden wird gebaut und gehämmert, die Schäden werden behoben, die der IS hinterlassen hat. Abends wird im Dorfrestaurant arabische Musik so laut gesungen, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Kebabs werden angeboten und auch Grillhähnchen. Die Jugend versammelt sich ebenfalls gutgelaunt im Restaurant. Tausende Christen sind zurückgekehrt – und mit ihnen das alte Leben. Doch die Frage bleibt, ob es nur eine Rückkehr auf Zeit ist oder eine
Rückkehr für immer.

Konkrete Hilfe beim Wiederaufbau!

Das arabische Wort für Kirche heisst „Kanisa“. Sie hilft den Christen, in ihrer ursprünglichen Heimat im Irak zu bleiben.
Die Spuren der Verwüstung sind in den Gebieten, die der IS besetzt hielt, immens. Zerbombte, beschädigte und verbrannte Häuser, Kirchen, Klöster und Geschäfte sind dort überall zu sehen.
Um sich eine Übersicht vom Ausmass der Zerstörung zu machen und, um die Möglichkeit eines Wiederaufbaus der christlichen Häuser in der Ninive-Ebene zu evaluieren, reisten schon früh Experten in die befreiten Gebiete. «Kirche in Not (ACN)» führte Ende Dezember 2016 eine Expertise durch und gründete daraufhin das Wiederaufbau-Komitee NRC (Ninivah Reconstruction Committee).

Das Wiederaufbaukomittee

Pater Dr. Andrzej Halemba, Verantwortlicher bei «Kirche in Not (ACN)» für den Nahen Osten, steht diesem Komitee (NRC) vor, das aus Vertretern der syrisch-orthodoxen, der syrisch-katholischen und der chaldäisch-katholischen Kirche besteht.
Am 27. März 2017 unterzeichneten in Erbil, Msgr. Timotheus Mousa Al-Shamani, syrisch- orthodoxer Erzbischof von Bartella, der syrisch-katholische Erzbischof von Mosul, Yohanna Petros Mouche, Pater Dr. Andrzej Halemba, Verantwortlicher von «Kirche in Not (ACN)» im Nahen Osten, der syrisch-orthodoxe Metropolit Nicodemus Daoud Matti Sharaf von Mosul, Kirkuk und Kurdistan und der chaldäisch-katholische Bischof Mikha Pola Maqdassi einen Vertrag für den Wiederaufbau von Kirchen, kirchlichen Gebäuden, Klöstern und 12.000 Häusern von Christen. Mit diesem Vertrag sollte die Rückkehr der Christen möglich gemacht werden.
„In der Ninive Ebene kümmert sich nur die Kirche um die Menschen“, so Abuna Georges Jahola. Er ist der lokale Leiter des Wiederaufbau-Komitees NRC in seiner Heimatstadt Karakosch. Der wichtigste Partner des NRC ist «Kirche in Not (ACN)»“, wie Abunda Georges mit einem freundlichen Lächeln erläutert. In Karakosch wurden innerhalb von nur 16 Monaten bereits 35% der zerstörten Häuser wiederhergerichtet. Möglich war dies nur, weil christliche Organisationen – allen voran «Kirche in Not (ACN)» mit Millionenspenden helfen. Der irakische Staat existiert hier nämlich nur auf Flaggen und Pässen. «Die Regierung hat kein Geld oder andere Prioritäten. Ohne die Hilfe unserer Mitchristen im Westen wären wir verloren“, wie Abuna Georges erklärt. Wenn die Familien nicht in ihre Häuser zurückkehren, wird das Christentum im Irak aussterben. Bis Ende September 2018 sind bereits über 8 700 christliche Familien in die Ninive-Ebene zurückgekehrt. «Sicherheit und Jobs» – das wird die nächste Herausforderung nach der Renovation der Häuser sein!
„Es kann nicht sein, dass Christen im Nahen Osten den grössten Preis zahlen müssen. Es darf nicht sein, dass dieser unfreiwillige Exodus der irakischen Christen in sich selbst verstummt. Helfen wir den Christen in ihrer Heimat zu bleiben! Schenken wir Ihnen Zukunft!“ Lucia Wicki-Rensch

Zwischen 2011 und Juni 2018 hat «Kirche in Not (ACN)» über CHF 45 Millionen für pastorale Projekte und Nothilfe im Irak bereitgestellt. Allein im Jahr 2017 unterstützte «Kirche in Not (ACN)» Projekte im Irak für CHF 10.5 Millionen. «Kirche in Not (ACN)» ist das Hilfswerk, das sich am stärksten in der Ninive-Ebene engagiert.

*Lucia Wicki-Rensch, aus Luzern, ist Informationsbeauftragte von «Kirche in Not (ACN)» Schweiz/Liechtenstein. Sie begleitete Ende September 2018 eine Gruppe Schweizer Journalisten auf einer vom Hilfswerk organisierten Projektreise durch die Ninive-Ebene.

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