Sind Mädchen weniger begabt für Mathematik und Naturwissenschaften?

Ein mädchengerechter Unterricht soll insbesondere in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern der Luzerner Gymnasien gefördert werden. Die Bilder stammen aus speziellen MINT-Workshops, die kürzlich für Schülerinnen der Kantonsschule Alpenquai durchgeführt wurden. (Fotos Benno Bühlmann)
  Luzern: Aula Kantonsschule Alpenquai |

Am vergangenen Dienstag, 7.11.17 war es für einmal Sache von gegen 200 Lehrpersonen aus den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) die Schulbank zu drücken. An einem gross angelegten Weiterbildungs-tag zum Thema «MINT und Gender» setzten sie sich an der Kantonsschule Alpenquai in Luzern mit den aktuellen Herausforderungen eines mädchengerechten Unterrichts auseinander. Im Fokus standen insbesondere die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer, in denen eine Sensibilisierung für die Problematik von Rollenzuschreibungen besonders wichtig ist.

In der Einleitung zur Tagung wies Aldo Magno, Leiter der Dienststelle Gymnasialbildung des Kantons Luzern, auf die besondere Bedeutung des Themas «MINT und Gender» hin: «Die Thematik ist gesellschaftlich relevant, weil wir im Sinne der Chancengleich und der Entscheidungsgerechtigkeit junge Frauen vermehrt für die exakten Wissenschaften ansprechen wollen.» Der Kanton Luzern habe im Jahr 2012 in seinem «Strategiepapier 2017» unter anderem die Stärkung der MINT-Lernbereiche als vordringlich eingestuft und deshalb verschiedene strukturelle und schulische Massnahmen ins Auge gefasst, erklärte Magno vor den rund 200 Lehrpersonen, die an der Tagung anwesend waren. Das Thema beschäftige heute nicht nur die Verantwortungsträger der Bildungspolitik, sondern auch die Wirtschaft, meinte er weiter: «Vor wenigen Tagen unterhielt ich mich mit der Chefin der HR Corporate Functions beim Liftbauer Schindler. Sie sagte mir, dass Diversity – und dazu gehören auch geschlechtsgemischte Teams – ein grosses Thema in ihrem Konzern sei.»

Potenzial der beiden Geschlechter besser ausschöpfen

Zahlreiche Fachleute informierten am Dienstag über aktuelle Erkenntnisse aus der Gender-Forschung und gaben den anwesenden Lehrpersonen vielfältige Anregungen für einen mädchengerechten Unterricht. Laut Prof. Dr. Dorothee Brovelli, Dozentin für Naturwissenschaften und deren Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Luzern, zeigten zahlreiche Studien auch für die Schweiz beträchtliche Leistungs- und Interessenunterschiede zwischen den Geschlechtern auf, die sich im Verlauf der Schulzeit noch vergrössern. Da stelle sich die Frage: Sind Mädchen weniger begabt für Mathematik und Naturwissenschaften? Ist Technik und Informatik für sie uninteressant? – Aus der Sicht von Dorothee Brovelli handelt es sich dabei um rhetorische Fragen. Die Leiterin des Spezialisierungsstudiums MINT an der PH Luzern ist denn auch überzeugt davon: Es gibt durchaus Möglichkeiten, beiden Geschlechtern zu helfen, ihr Potenzial besser auszuschöpfen. Vor allem müssten die Lehrpersonen immer wieder dafür sensibilisiert werden, welche Rolle Berufs- und Selbstbilder bei den Geschlechtsdifferenzen spielen und welche Chancen die Schule hätte, um das Interesse und den Lernerfolg der Mädchen im MINT-Bereich zu fördern.

Persönlichkeit der Lehrperson spiel eine wichtige Rolle

Auch Ella Stein, die am Literargymnasium Rämibühl in Zürich das Fach Mathematik unterrichtet, ging in ihrem Referat anhand wissenschaftlicher Studien der Frage nach einem Gender-gerechten Unterrichtsstil auf den Grund: «Die Unterrichtspraxis lehrt uns, dass Schülerinnen und Schüler verschieden lernen und einen unterschiedlichen Zugang zum Lernstoff haben.» Auch die Persönlichkeit der Lehrperson spiele eine wichtige Rolle in der Wissensvermittlung, betont Ella Stein: «Das Ganze wird noch interessanter, wenn es um Mathematikunterricht geht. Denn das Thema Mathematik ist (Gende-)beladen, die gesellschaftliche Meinung zu der Mathematik und den Mathematikerinnen ist gemacht und kann nur sehr schwer verändert werden.»
Mit konkreten Übungen und einigen verblüffenden Beispielen aus dem Alltag zeigte sodann die Berner Professorin Elisabeth Grünewald-Huber auf, dass es sich beim Geschlecht um keine starre Eigenschaft, sondern um ein Produkt performativer Tätigkeit handelt: «Es gilt, den eigenen Anteil an der Herstellung von Geschlechtlichkeit zu erkennen.»

Positive Erfahrungen aus der Unterrichtspraxis austauschen

An der Tagung zum Thema «MINT und Gender» ging es nicht nur darum, aktuelle Erkenntnisse aus der Gender-Forschung zu vermitteln. Auch konkrete Erfahrungen aus der Praxis durften bei dieser Weiterbildung nicht fehlen. In vielfältigen Ateliers hatten die Lehrpersonen Gelegenheit, von «best prictice»-Beispielen zu profitieren. Das Themenspektrum reichte von «Robotik im Unterricht» über «Aufgabensets gendergerecht gestalten» und «Geogebra im Mathematikunterricht» bis zu «LifeSciences und Mikroskopie».
In einem so genannten «World Café» hatten die Teilnehmenden zum Abschluss die Möglichkeit, in kleinen und wechselnden Gruppen die wichtigsten Erkenntnisse der Tagung untereinander auszutauschen und den möglichen Transfer in den Unterrichtsalltag zu diskutieren. Die Projektleiterin Shiva Stucki-Sabeti, die auch für die Tagungsmoderation verantwortlich war, zeigte sich am Schluss sehr erfreut über den Verlauf der Weiterbildungsveranstaltung: «Ich bin zuversichtlich, dass wir mit den vielfältigen Vorträgen und Ateliers zahlreiche Lehrpersonen für die Gender-Thematik sensibilisieren und gleichzeitig wertvolle Anregungen für die Unterrichtspraxis vermitteln konnten.»
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