Der Jahrhundertkünstler Hans Erni im Alter 106 Jahren gestorben

Hans Erni eine Offenbarung (Foto: Josef Ritler, Ebikon (Aufgenommen im Mai 2014))
 
Hans Ernis typische Tauben (Foto: Josef Ritler, Ebikon (Aufgenommen im Mai 2014))
 
Hans Erni am Arbeitstisch (Foto: Ramona Geiger, Team beiUns)
 
Hans Erni 2014 Entwürfe (Foto: Josef Ritler, Ebikon (Aufgenommen im Mai 2014))

Wir trauern um den weltbekannten Künstler Hans Erni, der am 21. März 2015 im Alter von 106 Jahren in Luzern friedlich eingeschlafen ist. Ein letzter Besuch von Josef Ritler in seinem Atelier war eine Offenbarung.

Hans Erni ist eine Offenbarung

Bildreportage von Josef Ritler, Ebikon (30.05.2014)

Der Besuch beim Jahrhundertkünstler Hans Erni, knapp ein Jahr vor seinem Tode, war ein Erlebnis besonderer Art. Der bekannte Bildjournalist Josef Ritler besuchte ihn im Mai 2014 in seinem Atelier in Luzern.


"Doris, bring mir ein weisses Blatt!" ruft der 105 Jahre alte Hans Erni seiner Frau Doris zu. Sie kommt seinem Wunsch nach.

Er schiebt die vielen Manuskripte auf seinem Arbeitstisch auf die Seite, legt das Blatt darauf, nimmt einen schwarzen Filzstift und ist bereit für ein weiteres Meisterwerk. Was er zeichnen wird, überlässt er dem Besucher. Er schaut mich mit seinem hellwachen Augen an und fragt mit einem Lächeln auf den Lippen: "Was soll ich zeichnen?" Für einen Moment bin ich sprachlos. Der Charakterkopf mit dem lockigen Haar lässt keine anderen Gedanken zu als Ehrfurcht, Bewunderung und Fragen, was wohl das Geheimnis ist, so alt zu werden und rüstig zu bleiben?

Hans Erni und seine Sujets: ich entscheide mich spontan für eines seiner Markenzeichen, eine Taube und gleich legt er los. Mit schwungvollen Bewegungen fährt die vom Alter gezeichnete Hand übers Blatt. Innert Minuten entstehen Friedenstauben, als wollten sie sofort davon fliegen.

Da drängt sich die Frage auf:

Wie sind Sie überhaupt auf die Tauben gekommen? - Die Taube symbolisiert generell für die Menschheit die Idee des Friedens. Deshalb ist sie für mich ein wichtiges Sujet. Für den Frieden habe ich mich mein ganzes Leben lang eingesetzt.

"Doris bring mir ein grösseres Blatt!" wendet sich der Künstler wieder an seine Frau. Er ist mit der ersten Skizze nicht zufrieden. "Da fehlt noch der Pilatus. Tauben und der Pilatus, das passt sehr gut zusammen", klärt er mich auf.

Und schon entsteht ein neues Werk. Es liegt eine besondere Atmosphäre in der Luft. Ich fotografiere ihn bei der Arbeit. Das scheint ihn nicht zu stören. Hans Erni ist ein Medienprofi. An Kameras ist er gewohnt. Der Künstler ist von ungeahnter Präsenz. Und dann diese Hände, die so vieles geschaffen haben! Ich frage zögerlich, möchte die Atmosphäre nicht mit allzu persönlichen Fragen stören:

Haben Sie immer noch eine ruhige Hand? - Die Hand darf überhaupt nie ruhig sein. Denn wenn sie ruhig ist, ist sie endgültig verloren. Nein im Gegenteil, ich möchte sie bei jedem Strich fühlen.

Uff! Fast als hätte er auf so eine Frage gewartet:

Wie fühlen Sie sich jetzt mit 105 Jahren? - (nachdenklich) Ja, ich weiss nicht, ob ich mich anders fühle als im ersten Jahrhundert. Ich habe das zweite Jahrhundert angefangen, es ist heute schönes Wetter und ich habe den Griffel in der Hand, das Papier auf dem Tisch. Ich kann arbeiten. Und das gibt mir den Sinn zu leben. Denn ohne zu arbeiten, ohne zu spüren oder Gedanken umzusetzen bin ich nicht glücklich. Auf dem Tisch liegen eine grosse Anzahl Aufgaben.

Dabei zeigt er auf die Arbeitstische – auf die geordnete Unordnung sozusagen.

Die Taubenskizze mit dem Pilatus ist fertig. Der Künstler zeichnet noch einen Kreis, die Sonne und lehnt sich zufrieden zurück.

Hans Erni antwortet präzis und pointiert, verfällt zeitweise ins Schwärmen. Und nicht etwa mit Standard-Antworten, die er vermutlich schon in Hunderten von Interviews gegeben hat. Ich möchte mehr wissen:

Nehmen Sie auch am täglichen Geschehen in der Politik und in der Wissenschaft teil? - Ich nehme schon daran teil, aber nicht auf der Strasse. Es geht nicht um die Sichtbarmachung von sich selber. Es geht um die Findung der Identität von dem, der Frieden schafft. Das scheint mir sehr wichtig zu spüren, dass man glücklich ist, wenn man sich für ein Thema engagieren will.

Was sagen Sie zur heutigen Welt? - Die Situation ist sehr zersplittert. Jedes Land möchte sich verändern und grösser werden, möchte eine Wichtigkeit erringen. In unserem Land sollten die Grenzen nicht verändert werden. Innerhalb der Grenzen finden wir die Verwirklichung von unserem schönen Dasein.

Sie haben in einem Interview gesagt, Sie hätten viel Eisen in sich, wie haben Sie das gemeint? - Wenn ich das irgendeinmal gesagt haben soll, so sind das die Operationen an meinen Hüftgelenken, die jetzt metallisch sind und sich hoffentlich lange bewähren werden.

Hans Erni war in der ersten Lebenshälfte ein aktiver und erfolgreicher Sportler (Landhockey, Skispringen, Skilanglauf). Diese sportliche Aktivität war vermutlich mit einer der Gründe für die zwei späteren Hüftoperationen.

Verfolgen Sie auch das Kunstgeschehen in der Schweiz? - Ja, aber ich finde die Verfolgung der künstlerischen Tätigkeit überflüssig, denn ich habe selber genug Aufgaben, die ich mir stelle und die ich lösen muss.

Es geht ja ganz flott. Und ich denke an die Leserinnen und Leser von Seniorweb und was sie ihn wohl noch Fragen würden. Vielleicht doch noch etwas persönlicher:

Wer wurde in ihrer Familie alt? - Alle meine Geschwister und meine Eltern wurden relativ alt, aber ich glaube, ich überdauere sie alle.

Sind Sie zufrieden und glücklich? - Solange ich das Bewusstsein einigermassen habe und mit meiner Hand zeichnen oder malen kann und die Botschaft meiner Werke nach mir vielleicht sichtbar bleibt, bin ich zufrieden.

Wie sieht bei ihnen ein Tag aus? Wann stehen sie auf? - Die Tage sehen nicht verschieden aus. Nach 8 Uhr bin ich an der Arbeit und werde am Mittag von meiner Frau zum Essen gerufen. Am Nachmittag arbeite ich weiter, denn ich kann wegen meinen künstlichen Hüftgelenken nicht spazieren gehen. Ich arbeite an Werken, die hoffentlich über meine Zeit noch Gültigkeit haben werden.

Haben Sie noch grössere Objekte, die Sie ausführen müssen? - Wandbilder, die ich in meinem "besten Alter" gemalt habe, die bis zu 100 Meter lang waren, kann ich heute nicht mehr ausführen. Wertvoll ist mir, die Wirklichkeit dazustellen und an der ständigen Wandlung bewusst teilzunehmen.

Schauen Sie am Abend Fernsehen? - Ja, nicht immer, aber doch. Das Fernsehen ist ein neues Mittel mit unglaublichen Möglichkeiten. Denn das faktische Fernsehbild im Wandel, in der Verrücktheit, aber auch im schönen Konstruktiven, finde ich eine Bereicherung.

Wenn Sie jünger wären, würden Sie beim Fernsehen arbeiten wollen? - Nein, Nein. Mein Beruf ist Malen und Zeichnen, das Wiedergeben eines Teiles unserer Gegenwart. Das erachte ich als meine Aufgabe.

Welchen Ratschlag geben Sie alten Menschen? - Nicht mit Arbeiten aufhören, selbst wenn Sie denken, dass Sie fast nicht mehr in der Lage dazu sind. Immer bereit sein für die ständige positive Entwicklung von sich selbst. Auch in einem älteren Zustand ist dies sicher möglich.

Was haben Sie für Ratschläge, wie man gesund bleibt? - Da kann ich nicht viele Ratschläge geben. Ich bin im Allgemeinen ein gesunder Mensch. Ich esse nicht übermässig, ich trinke nicht viel Alkohol und rauche nicht. Dies sind sicher Mittel, um die Zeit des Lebens zu verlängern und zu verbessern.

Haben Sie Angst vor dem Tod? - Ich habe dazu keinen Grund. Noch niemand hat mir gesagt, was nach dem Tod kommt, also lasse ich mich am besten überraschen.

Hans Erni wurde jahrelang wegen seiner politischen linken Einstellung geächtet. Da möchte ich wissen, wie er heute zur Schweiz steht.

Was wünschen sie sich der Schweiz? - Ich wünsche der Schweiz, dass sie sich nie vergrössern und im Umfang verändern wird. Dass die Schweizerische Lebensgemeinschaft weiterhin in dieser Art in der Freiheit und Toleranz, wie wir sie kennen, weiter besteht. Ich lege grossen Wert auf den Schwur der Eidgenossen. Ich bin froh und glücklich, dass ich in diesem Land geboren wurde und leben darf. Der Linken habe ich mit meiner Lebenserfahrung so ziemlich abgeschworen. Die SP und die JUSO wissen leider nicht mehr um was es früher dabei ging und missbrauchen ihren Bonus als Partei. Sie nutzen ihn für ihren Eigennutz und verlieren dabei ihr ehemals grosses Vertrauen der arbeitenden Bevölkerung.

Haben Sie nicht Angst, dass sich dies einmal verändert? - Ich kann über die Zukunft nichts anderes sagen, denn ich habe das Glück, dass mein Dasein in unserem Land, in einer positiven Entwicklungsphase stattfindet. Wichtig ist, dass unsere Regierung den Wert der Unabhängigkeit erhält.

Was sagen Sie zum Gripen? - Ich habe das Flugzeug ganz genau studiert, weil ich früher selber ein Pilot war, Zweiplätzer geflogen bin aber aus finanziellen Gründen aufgeben musste. Ich finde die Ästhetik der heutigen Flugzeuge sehr schön, das macht mir grosse Freude.

Bedienen Sie die neuen Medien und Computer? - Möglichst gar nicht. Ich schicke keine E-Mail. Ich habe genug Arbeit beim Malen meiner Bilder.

Reisen sie noch? - Grosse Reisen kann ich leider nicht mehr machen. Da habe ich zu viel Metall in den Beinen und die Müdigkeit stellt sich im Alter viel schneller ein. Ich hatte einige Unfälle und wurde auch oft "repariert", aber alles ist gut herausgekommen. Ich brauche auch keine Medikamente, habe eine gesunde Ernährung, die sehr einfach ist.


Hans Erni mit seiner Frau Doris (Aufnahme 2014, Josef Ritler - Ebikon)

Hans Erni begutachtet mit seiner Frau Doris eine Taubenzeichnung.

Wie lange sind Sie verheiratet? - Das müssen sie meine Frau fragen.

Nichts lieber als das. Seine 86jährige Frau Doris, die mir inmitten des Ateliers stolz weitere Skizzen und Bilder zeigt, lächelt und verrät, dass sie 65 Jahre lang verheiratet sind. Und sie antwortet auf die Fragen:

Ist immer alles gut gegangen? - Ja sicher. Wir hatten nie irgendwelche Konflikte. Es war immer eine Harmonie.

Haben Sie ein Rezept? - Wenn man jemanden liebt, dann ist das selbstverständlich. Ich bin lieber im Hintergrund. Hans gab mir grosse Freiheit, seine Ausstellungen zu organisieren. Er wusste, dass ich alles in seinem Sinne mache.

Wie haben Sie sich kennengelernt? - Ich habe in der Handelsschule in Luzern einen Aufsatz über Hans Erni geschrieben und habe ihn dazu interviewt. Wir kannten uns schon vom Lido her, wo wir zusammen Volleyball spielten. Ich war immer auf seiner Seite und spielte ihm den Ball so zu, dass er ihn auf die Gegenseite schmettern konnte.

Wo sind Sie aufgewachsen? - Ich bin in Luzern aufgewachsen. Meine Mutter war Engländerin.

Haben sie ein Rezept für alte Leute? - Hans Erni meldet sich aus dem Hintergrund mit kräftiger Stimme:

Du kannst sagen, dass du ein Teil meines Lebens geschaffen hast.

Sagte es und verabschiedet sich mit einem kräftigen, knorrigen Händedruck.

Einen weiteren Film von seinem hundertsten Geburtstag habe ich unter folgendem Link veröffentlicht:

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Mehr über Hans Erni auf Wikipedia:

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