Buchtipp: Endspiel

Erst kürzlich äusserten wir an dieser Stelle den Verdacht, die Regenwaldthematik nehme im Bewusstsein der Umweltschützer indessen nur noch vergleichsweise schmalen Raum ein. Diese subjektive Einschätzung unsererseits wird nun vom faktenkundigen Claude Martin gestützt. Nicht zuletzt, um das diesbezügliche Engagement wieder zu beleben, hat er seinen ausführlichen Bericht an den Club of Rome erarbeitet.

Alles schien ein wenig einfacher, damals, als sich ein gewisser Sting wiederholt im freundlichen Kreise von Indigenen des Amazonas ablichten liess, um solcherart das Interesse am Schutz der Regenwälder prominent zu fördern, und als uns noch allenthalben kettensägenbewehrte Dschungelabholzer in plakativ mahnender Absicht vor den Möbelhäusern begrüssten. Der Plan war fasslich: Die grossen Konzerne mussten vors Knie getreten, Bruno Manser unterstützt und die Gorillas und Pfeilgiftfrösche beschützt werden... Natürlich war die Lage schon damals komplexer. Wir erfuhren das Stück für Stück, als es plötzlich nicht mehr nur die Businessmen, sondern auch arme Bauern waren, die den Wald abfackelten, oder als dann nicht mehr nur unser Bedarf an Hartholzmöbeln, sondern auch an preisgünstigen Rinderhackbrätlingen zur Debatte stand. Noch unübersichtlicher wurde es, als schliesslich der Klimawandel mit all seinen Unwägbarkeiten hinzutrat.

Diese Konfusion aufzudröseln, ohne hierfür ihre Widersprüche und Relativierungen unter dem betörenden Schleier der Simplifizierung zu begraben: Das ist die Aufgabe, der sich Claude Martin bei der Anfertigung dieses umfassenden Regenwaldberichtes an den Club of Rome gestellt hat. Die aus der Komplexität der Thematik erwachsende und auszuhaltende Ambivalenz veranschaulicht unter anderem die Erklärung des Biologen und langjährigen Generaldirektors des WWF International, ihm seien in der gesamten Zeit seines Engagements für die Regenwälder keine Menschen begegnet - egal ob nun Manager, Wissenschaftlicher, Indigene oder Politiker -, denen ihr Schutz gleichgültig gewesen wäre. Dennoch muss er uns berichten, dass wir uns bezüglich ihrer Erhaltung in einem Endspiel befinden. Er tut das nüchtern und strikt faktenorientiert, mit einem vertiefenden Blick auf die grossen Zusammenhänge genauso wie auf regionale Unterschiede der Gründe der Entwaldung. Aus der differenzierten Zusammenfassung des gegenwärtigen Wissensstandes um Biodiversität, Entwaldung, Erosion, Waldfragmentierung oder der klimatischen Einwirkungen auf die Regenwälder - unterstützt von Aufsätzen spezialisierter Experten - montiert er einen zwar visionär zurückhaltenden, aber dafür fundierten Ausblick auf ihre Zukunft. Im Zuge dessen kristallisiert sich dann auch eine Auswahl von politischen und alltäglichen Prioritäten für einen wirksamen Regenwaldschutz heraus.

Dass sich aus den angesprochenen Ambivalenzen keine bequeme Einbahnstrasse von Aktionsplänen in eine beregenwaldete Zukunft erstreckt, versteht sich von selbst. Dafür sind die Wechselwirkungen der politischen, ökologischen, wirtschaftlichen und klimatischen Einflüsse auf die verschiedenen Lebensräume schlicht zu komplex. Auch Claude Martin, dessen hingebungsvolle Liebe zu den Regenwäldern immer wieder durchdringt, schwankt demzufolge zwischen Optimismus und Sorge. Das stellt sich, zusammen mit der sachlichen Relativierung und mehrdeutigen Beurteilung der Tatbestände, als eine zu bewältigende Aufgabe auch für den Leser heraus. Da treten dann gegen Mitte des Buches Momente ein, wo dem ordnungsliebenden Geist die Contenance abhandenkommt und man sich an die Redensart vom vor lauter Bäumen unsichtbaren Wald gemahnt fühlt. Wir empfehlen diesbezüglich Durchhaltewillen: Die Vielfalt an Themen, Detaildaten und Argumenten wird sich gegen Ende zwar nicht lichten, aber doch gefällig ordnen.

Was bleibt, sind pessimistischer Hoffnungsdruck oder - je nach individuellem Gemüt - optimistischer Skeptizismus. Claude Martin hat gute Nachrichten und schlechte. Zu den guten zählen seine Einschätzung, dass das Bekenntnis der Verbraucher in Sachen Regenwaldschutz tatsächlich etwas bewirken kann (und dies auch tat), oder das eindrucksvolle Wachstum von Waldschutzgebieten. Zu den schlechten... Sie wissen schon: Klimawandel, Palmöl, Fleischkonsum und, bemerkenswerterweise, Urbanisierung. Klar wird in jedem Fall: Eine Wiederbelebung des Bewusstseins um den Wert - und auch die weiterhin bestehenden Chancen - des Regenwalderhalts ist angezeigt. Claude Martins Buch empfiehlt sich für alle, die sich diesbezüglich sachlich sattelfest machen wollen, als die unverzichtbare Lektüre.

Rezension: Sacha Rufer


Endspiel
Wie wir das Schicksal der tropischen Regenwälder noch wenden können
Claude Martin
oekom, 351 Seiten
ISBN 978-3-86581-708-2
Fr. 31.90 (UVP)
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