Buchtipp: Unter Bären in Alaska

David Bittner ist Zoologe und Naturfotograf. Eigentlich zog er erstmals in die Küstenlandschaften des Katmai-Nationalparks in Alaska, um genetische Analysen an den dortigen Fischpopulationen vorzunehmen. Doch es waren dann seine Begegnungen mit den ansässigen Bärinnen und Bären, die ihn noch zehnmal zurückkehren liessen. Sein Bildband lässt uns teilhaben an seiner innigen Vertrautheit und Verbundenheit mit den mächtigen Tieren.

Wir sagen "teilhaben", und wir meinen damit genau dies. Wo andere Bildbände von unberührter Natur und populären Symboltieren gern mal unsere Sehnsucht kitzeln und uns dann hungernd nach ergänzenden persönlichen Eindrücken zurücklassen, da sättigt uns dieser; im Wort genauso wie im Bild. David Bittner gelingt das seltene Kunststück, als unser würdiger Stellvertreter zu agieren, und wird damit dem Anspruch gerecht, die fortdauernde 'Unberührtheit' der von ihm trefflich abgelichteten und beschriebenen Wildnis möglichst auch für die Zukunft zu wahren. Dieser Intention ist es dann vielleicht ausserdem zuzuschreiben, dass er sich ob seiner - durchaus abenteuerlichen - Nahbegegnungen mit Bären nie als Pionier oder Tausendsassa darstellen mag. Denn gerade die mühelose Identifikation mit ihm; seinen Eindrücken, Gedanken, seinen nachvollziehbaren Empfindungen und Verunsicherungen; ermöglicht dann auch uns die berührende und feinfühlige Annäherung an 'seine' Bären.

Diese Bären und Bärinnen lernen wir in der Folge sehr persönlich kennen. Eingestreut zwischen informative Kapitel zur Biologie, dem Liebeswerben oder den Fischfangtechniken der Braunbären folgen wir den Lebensgeschichten des Bärenmännchens Balu oder der Bärin Luunie, begleiten die junge Joya auf ihrer Entwicklung vom jugendlichen Überschwang zu erwachsenem Selbstvertrauen oder werden Zeuge einer Trägodie im Überlebenskampf einer Bärenmutter. Das hat Sinn und Zweck über die Erzählung berührender Tiergeschichten hinaus. Zu den wichtigen zoologischen Einsichten des Autors gehört, dass Bären sowohl über sehr individuelle Charaktere wie auch - entgegen einer lang gepflegten Ansicht - ein ausgeprägtes soziales Leben verfügen.

Die faszinierenden, oft verblüffend intimen Fotografien des Bildbands folgen demselben Credo. Während sich unlängst Andreas Kielings "Im Bann der Bären" vorrangig als ein eindrucksvoller Reisebericht bewährte, ist David Bittners Bildband ein fast reines "Bärenbuch". Noch darüber hinaus ist es ein Buch meistenteils nicht über Bären im Allgemeinen, sondern über ganz bestimmte Bären: Balu eben, und Joya und Luunie und Luna und Hugo... Der beeindruckenden Bildgewalt des Bandes tut diese wiederkehrende Motivwahl keinen Abbruch, es ergänzt sie nur zunehmend mit schon fast familiärer Verbundenheit. Das ist ein ganz besonderes Erlebnis.

Die solcherart aufgebaute Sympathie bietet dann weiterhin einen stabilen Ausgangspunkt für David Bittners abschliessende, kritische Betrachtungen zur Rückkehr des Meister Petz in unsere Alpen. Er nähert sich der Thematik nicht mit tierliebender Blauäugigkeit, sondern schliesst die Verunsicherungen der betroffenen Bevölkerung in die Rechnung ein. Dennoch hat er dann vor dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrung einen einleuchtenden und vergleichsweise simplen Lösungsansatz anzubieten, wie die Nachbarschaft von Bär und Mensch entschärft werden könnte. Das ist uns nur ein Grund mehr, sein Buch nicht nur als einen phänomenalen Bildband, sondern auch als ein kompetentes und einsichtsreiches Informationswerk zu empfehlen.

Rezension: Sacha Rufer


Unter Bären in Alaska
David Bittner
AT Verlag, 264 Seiten
ISBN 978-3-03800-830-9
Fr. 59.90 (UVP)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.