Nobody is perfect – auch das Superhuhn nicht

Nichts und niemand ist perfekt. Auch das Superhuhn – von dem man die Weibchen zum Eierlegen und die Männchen für die Fleischproduktion nutzen kann – nicht. Das heisst aber nicht, dass es nicht noch weiterentwickelt werden kann; oder, dass es keine anderen Lösungen gibt.

Getötet wird, was überflüssig ist

Viele Rassen wurden seit Jahrzehnten gezüchtet und für die jeweiligen Zwecke optimiert. Die bisher gezüchteten Hühner gehören normalerweise zu Lege- oder Mastrassen. Beim Masthuhn verwendet man Männchen und Weibchen, beim Legehuhn nur die Weibchen weil Eierlege-Hühnerrassen kaum Fleisch ansetzen und die Männchen bekannter Weise keine Eier legen. Schweizweit werden deshalb jedes Jahr über 2 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlupf vergast. Leider ist die Nachfrage nach Eintagesküken bis anhin kaum vorhanden, sodass deren Tötung zu Recht hinterfragt werden soll.
Auch ‘ausgediente‘ Legehennen geben Anlass zu Diskussionen. Manche Bauern lassen ihre alten Legehennen direkt vor Ort vergasen und in die nächste Biogasanlage liefern, obwohl sie für die Entsorgung bezahlen müssen und man die Hühner eigentlich auch essen könnte. Nur ist sich die Nachfrage der Schweizer Konsumenten des breiten Angebots nicht wirklich bewusst – alle essen gerne ‘Brüstli‘ und ‘Flügeli‘, Legehennen gelten als zäh und ungeniessbar. Wer sich jedoch auf die Zubereitung eines Suppenhuhns versteht, kommt überaus günstig zu einem schmackhaften Essen.
Dass man die nicht mehr legenden Hennen zu einem grossen Teil weiterverwenden kann, zeigen die Grossverteiler: Bereits 2011 wurden wenigstens bei Coop-Naturafarm bis zu 80 % der ausgedienten Legehennen für Charcuterie-Produkte oder Tierfutter weiterverwendet. Auch Suppenhühner stehen bei Migros und Coop wieder in den Regalen.

Das Zweinutzungshuhn, auch Superhuhn genannt

Coop testet seit Anfang 2014 ein ‘Superhuhn‘, welches zweifach genutzt werden kann: Für Eier- und Fleischproduktion. Folglich müssen die männlichen Küken nicht mehr direkt getötet werden, sondern können als Poulet enden.
Das Superhuhn ist eine Züchtung, die sich zwar für beide Nutzungen eignet, aber (noch) in keiner Kategorie top ist. Die Zahl der gelegten Eier ist beim Superhuhn deutlich tiefer als bei einer Top-Legehenne (250 statt über 300 Eier / Jahr), und auch die Gewichtszunahme bei der Fleischproduktion ist deutlich langsamer als bei den konventionellen Fleischrassen. Ausserdem setzen Superhähne vergleichsweise wenig Brust an.
Demeter und Fibl, das Forschungsinstitut für biologischen Landbau, empfehlen ihr Sussex-Huhn vor allem kleinen und mittleren Betrieben mit kleinen Fixkosten (amortisierten Ställen etc.), welche ihre Eier direkt ab Hof verkaufen. Die Branche forscht derweil relativ intensiv an neuen Zweinutzungsrassen, mit dem Ziel den Hähnen mehr ‘Brüstchen‘ zu verpassen, ohne die Eierleistung der Weibchen zu schmälern.
Andere Forschungseinrichtungen haben es sich zum Ziel gesetzt, beim unbebrüteten Ei eine sichere Geschlechtsbestimmung vornehmen zu können. So könnte man in Zukunft weibliche Eier ausbrüten und männliche Eier in Eierteigwaren und Ähnlichem verwenden.

Die eierlegende Wollmilchsau

Bereits wurden Stimmen laut, die eine verstärkte Abholzung des Regenwalds wegen der Sojafutter-Produktion für Superhühner heraufbeschwören. Aber wer sagt denn, dass man die Superhähne wegen des langsameren Wachstums mit Regenwaldsoja kräftigen muss? Zumindest zurzeit geschieht dies in der Schweiz wohl kaum, da die Superhühner vor allem von Biobauern getestet werden. Diese füttern ihre Tiere sowieso nicht mit Regenwaldsoja, sondern mit 100% Biofutter – meist hofeigenem. Der Beweis: Die Zweinutzungshuhn-Eier werden von Coop unter dem Biolabel verkauft.
Wir Schweizer sind gesundheitlich gesehen nicht darauf angewiesen, wöchentlich ein Kilogramm Fleisch zu essen, so wie wir es momentan tun. Würden wir weniger davon essen, dürfte es vielleicht auch ein bisschen mehr kosten. Überhaupt sind die ganzen Gewinn- und Leistungsoptimierungen – nicht nur ökologisch gesehen – äusserst unglückliche Bestrebungen. Wir verbrauchen jetzt schon ein Vielfaches von dem, was uns fair aufgeteilt, von unserer Erde zur Verfügung stehen würde.
Es ist wohl letztendlich eine Einstellungssache. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht. Also müssen wir uns für einen Mittelweg zwischen Effizienz, Ökologie, Ethik und Tierwohl entscheiden. Die Konsumentin und der Konsument haben die Wahl und bestimmen damit die weitere Entwicklung mit.



Text: Yolanda Stocker

Bild: Glückliche Hühner auf der Alp Forno im Tessin
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