Verlust an Biodiversität in den Voralpenseen

Wichtig für eine nachhaltige Fischerei ist eine verlässliche und langfristig angelegte Fischereiforschung. (Foto: www.pixabay.com)

Im Rahmen des Projet Lac wurden zahlreiche Schweizer Voralpenseen untersucht. Im Vordergrund standen dabei die Fische, welche die Seen als Lebensräume nutzen, sowie deren Biodiversität. Systematisch wurden die Fischbestände von 26 Voralpenseen wissenschaftlich untersucht. Gerade im Lago di Poschiavo hatte die Einführung nicht einheimischer Arten grosse Auswirkungen auf die Biodiversität.

Im Zeitraum zwischen 2010 und 2014 wurden im Rahmen des Projet Lac 26 Voralpenseen untersucht und dabei mehr als 60 Fischarten inventarisiert. Im Internationalen Jahr der Biodiversität – 2010 – lancierten das Wasserforschungs-Institut des ETH-Bereichs (Eawag), die Universität Bern und das Naturhistorische Museum Bern mit weiteren internationalen Partnern das Vorhaben, um Licht in die dunklen Seetiefen zu bringen. Die Seen wurden mit standardisierten Methoden befischt und anschliessend wurden die gefunden Arten bestimmt, vermessen, fotografiert und die Fangzahlen schliesslich statistisch ausgewertet. Die Kosten für das gesamte Projekt beliefen sich auf rund 2,4 Millionen Franken. Laut Projektleiter Professor Ole Seehausen von der Eawag und dem Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern ist dieses Geld sehr gut investiert worden. Er erklärt: „Wir konnten erstmals ermitteln, wie hoch die Fischbiodiversität in den Seen heute wirklich noch ist. Ausserdem wollen wir herausfinden, wieso die Artenvielfalt und Artenzusammensetzung von See zu See teils sehr stark variiert und welche ökologischen Gründe zum Auftauchen oder Verschwinden von Arten führen. Unsere Ergebnisse geben zum Beispiel Hinweise, wie Uferrevitalisierungen oder die Aufwertung von Flachwasserzonen ausgeführt werden sollten, um die grösstmöglichen Erfolgsaussichten zu haben.“

Grosser Verlust an Biodiversität

Im Zusammenhang mit dem Projet Lac wurden 2012 in Kooperation mit dem Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden der Silsersee im Engadin und der Lago di Poschiavo im Puschlav untersucht. Die Einfuhr von Fischarten aus anderen Einzugsgebieten beeinflusste die historische Artenvielfalt beider Seen stark. In den beiden Seen wurden Seesaiblinge, Namaycush (Kanadische Seeforelle) und Bachforellen ausgesetzt. Die eingeführten Fische haben sich mit den einheimischen Arten gekreuzt. Genetische Analysen belegen diese Erkenntnis und lassen einen grossen Verlust an Biodiversität folgern. Die Poschiavo-Seeforelle beispielsweise hat ihre Eigenständigkeit nahezu verloren. Von der Marmor- und der Adriaforelle wurden im Lago di Poschiavo die letzten Exemplare der Schweiz gefunden. Im Silsersee hingegen konnte sich die einheimische Population von Schwarzmeerforellen trotz der Einfuhr von atlantischen Forellen halten. Aber auch diese Population von Schwarzmeerforellen gehört zu der Letzten in der Schweiz.

Unsere Ergebnisse geben Hinweise, wie Uferrevitalisierungen oder die Aufwertung von Flachwasserzonen ausgeführt werden sollten, um die grösstmöglichen Erfolgsaussichten zu haben.“ Prof. Ole Seehausen, Eawag / Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern

Interessant ist auch ein Vergleich der Fangmengen der beiden See, sowie der unterschiedlichen Fangmethoden von Forschern und Fischern. Gemäss den Angelfischern hat die Menge der Seesaiblingsfänge im Silsersee stark abgenommen. Im Gegensatz habe im Lago di Poschiavo die Fangmenge seit 2000 massiv zugenommen. Heute wird im Lago di Poschiavo, im Vergleich zum Silsersee, die fünffache Menge an Seesaiblingen gefangen. Die Netzfänge der Forscher zeigten ein anderes Bild. Nach den Forschern gibt es in beiden Seen eine ähnliche Bestandesdichte an Seesaiblingen. Die Forscher gehen davon aus, dass die Fische im Silsersee schwieriger zu fangen sind. Dies könnte auf unterschiedliche Fressgewohnheiten zurückgeführt werden.

Ein weiterer Aspekt sind die Folgen der Nutzung von Pumpspeicherkraftwerken und die direkten Auswirkungen auf die Fischbestände, die zurzeit nicht abgeschätzt werden können. Die Abfischungen im Lago di Poschiavo zeigen, dass die Forellen sich hauptsächlich in den untiefen und ufernahen Zonen aufhalten. Die Seesaiblinge bevorzugen eine Tiefe zwischen 20 und 40 Metern. Gerade diese Lebensräume würden durch ein mögliches Pumpspeicherkraftwerk im Lago di Poschiavo am stärksten beeinflusst. Zum einen wären die Uferbereiche durch ein ständiges Anheben und Absenken des Wasserspiegels oft trockengelegt. Zum anderen könnte sich in der Tiefe, die der Seesaibling bevorzugt, das Seewasser um bis zu vier Grad Celsius erwärmen. Es ist davon auszugehen, dass ein solches Kraftwerk sich auf die Populationsgrössen der Fische des Lago di Poschiavo auswirken wird.

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