Zum 300. Geburtstag von Franz Ludwig Pfyffer von Wyher: Generalleutnant, Ingenieur und Reliefbauer

Franz Ludwig Pfyffer von Wyher (Foto: Geomatik Schweiz 5/2016)
 
Franz Ludwig Pfyffer von Wyher (Foto: Geomatik Schweiz 5/2016)
 
Franz Ludwig Pfyffer von Wyher (Foto: Geomatik Schweiz 5/2016)
Am 18. Mai 2016 jährt sich der Geburtstag des Luzerner Patriziers und Kartografen
Franz Ludwig Pfyffer von Wyher (1716 – 1802) zum 300. Mal. Sein überragendstes Werk ist das Relief der Urschweiz, an welchem er 40 Jahre lang gearbeitet hat – von der Vermessung der Zentralschweiz bis zur detailreichen Ausgestaltung des Reliefs. Es zeigt einen Zehntel der Fläche der Schweiz und ist das weltweit älteste Landschaftsrelief dieser Art. Ebenfalls von historischer Bedeutung ist seine «Carte en perspective du Nord au Midi ...» von 1786. Sie ist die erste Karte mit systematischen Höhenquoten. Ein Meilenstein auf dem Weg zu modernen Karten.

Franz Ludwig Pfyffer von Wyher

Franz Ludwig Pfyffer von Wyher war in den 1770er-Jahren der einfl ussreichste Luzerner Patrizier. Damals hatte er bereits eine 40-jährige Militärlaufbahn in Frankreich hinter sich. Im Jahr 1768 war er dort mit dem zweithöchsten Militärgrad der französischen Armee, dem Rang des Generalleutnants, ausgezeichnet und mit
dem Ludwigsorden geehrt worden. Sein Einfl uss in den hiesigen Regierungskreisen war auch deshalb so gross, weil er von Louis XV das Mandat als Chef für die Rekrutierung von Söldnern aus der Zentralschweiz erhalten hatte. Der fremde Kriegsdienst war für die Schweiz bis ins 18. Jahrhundert eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Schätzungen gehen davon aus, dass gegen eine Million Männer in den schweizerischen Regimentern in Frankreich Dienst geleistet haben, über 400 000 sind nicht zurückgekehrt.
Franz Ludwig Pfyffer war am 18. Mai 1716 in eine angesehene Luzerner Familie hinein geboren worden, so dass er – wie in seinen Kreisen üblich – bereits im Alter von zehn Jahren das Elternhaus verliess und in die Kadettenschule der Garde in Paris eintrat, um sich auf eine Offizierslaufbahn vorzubereiten. Dort erhielt er eine solide Schulbildung und eine Ausbildung zum Militäringenieur. Seine militärische
Karriere verlief ausserordentlich erfolgreich, um so erstaunlicher ist die Tatsache, dass der junge Pfyffer stets auch in Luzern hohe Ämter bekleidete. Als er 1736 das Kommando über seine Kompanie in Paris übernahm, trat er gleichzeitig als Mitglied in den Grossen Rat der Stadt und Republik Luzern ein. Später wurde er zum Stadtammann und 1753 zum Mitglied des Kleinen Rates ernannt. Zwischen den europäischen Feldzügen weilte Pfyffer immer wieder in Luzern. Mit seiner Frau Marie-Josse d'Hemel aus Argenteuil bei Paris und den beiden Töchtern bewohnte er zwei Häuser am Mühleplatz in Luzern und war Schlossherr auf dem Wasserschloss Wyher, dem Sommersitz der Familie Pfyffer. In diesen Jahren stellte er zudem Stadt und Land sein Ingenieurwissen zur Verfügung. In der Zentralschweiz gab es damals nur unbefestigte Strassen, die oft sumpfig und somit unwegsam waren. Es war eine grosse Neuerung, als zwischen 1759 und 1764 die erste befestigte Strasse im Kanton Luzern, diejenige nach Basel, entstand. Franz Ludwig Pfyffer leitete diesen Strassenbau. Eine weitere Pioniertat Pfyffers war die Gewässerkorrektur im Bereich des Renggbachs. Im Jahre 1766 wurde Pfyffer offi ziell mit der Ausführung der Arbeiten zur Verbauung des wilden Renggbachs beauftragt, der zu jener Zeit bei Unwettern regelmässig über die Ufer trat und via Krienbach in der Stadt Luzern grosse Schäden anrichtete. Dank Sprengungen im Renggloch liess sich der Renggbach in die Kleine Emme umleiten. Pfyffer starb am 7. November 1802 im Alter von 86 Jahren in Luzern. Aus heutiger Sicht würden wir Franz Ludwig Pfyffer zu den vielen hohen Vertretern des
Ancien Régime einreihen und ihn wohl kaum namentlich erwähnen, hätte er uns
nicht das Relief der Urschweiz hinterlassen.

Das Relief der Urschweiz

Über die Beweggründe Pfyffers, eine so neuartige Landschaftsdarstellung zu kreieren, können wir heute nur mutmassen. Waren es militärisch-strategische Überlegungen, die ihn als General vorantrieben oder waren es die naturwissenschaftlichen Interessen seiner Zeit? Arbeitete er im Sog der Naturschwärmerei der Aufklärung oder war er beseelt von der Idee einer Landesvermessung? Wir wissen es nicht.
Vielleicht festigten die diversen Ingenieurarbeiten in der heimatlichen Landschaft
in Pfyffer den Entschluss, seine Vision einer naturgetreuen Abbildung der Zentralschweiz in die Tat umzusetzen. Er wollte die Zentralschweiz dreidimensional abbilden und zwar auf ähnlich anschauliche Weise, wie dies die Festungsmodelle
von König Louis XIV taten. Fast 40 Jahre arbeitete Pfyffer am Relief der Urschweiz und zwar von ca. 1747 bis 1786 (Abb. 1). Da die Schweiz damals noch über keine geeigneten Karten verfügte, musste er das Gebiet zuerst vermessen. Neuere Forschungen haben ergeben, dass Pfyffer weit systematischer und genauer arbeitete als bisher angenommen. Er hatte die besten Messinstrumente seiner Zeit gekauft und erarbeitete die Daten mit Basismessung und Triangulation. Auf seinen Touren anfertigte Pfyffer topografi sche Skizzen mit den wichtigsten Geländemerkmalen. Heute sind noch 94 dieser Panoramaskizzen bekannt.
Als die Franzosen die Schweiz besetzt hielten, diente das Relief militärisch-praktischen Zwecken, wurde aber im Zeitalter der Aufklärung weit nachhaltiger zum Symbol der Alpen. Als prominente zeitgenössische Besucher des Reliefs der Urschweiz sind neben vielen anderen Johann Wolfgang von Goethe, Dichter und
Universalgelehrter, Alexander Volta, italienischer Physiker, William Coxe, englischer Historiker und Louis-Sébastien Mercier, französischer Schriftsteller, überliefert. Mercier beschreibt 1784 seine Begeisterung für die Darstellung der Natur auf dem Relief und ergänzt auch gleich seine Gedanken zur Geschichte und Politik: «Après avoir embrassé le physique, vous pouvez embrasser pour ainsi dire, le moral et le politique. Vous voyez l'endroit où fut jurée l'union helvétique, le lieu où Guillaume Tell repoussa du pied le bateau qui portoit son tyran: plus loin l'endroit où il perça le coeur de l'ennemi de la liberté: on arrête ses regards sur le bord du lac où les trois Cantons s'allièrent, non en écrivant un traité, car ils ne savoient pas écrire; mais en se touchant dans la main: les articles de l'alliance sont encore sacrés, tandis que tant d'autres traités ont été rompus.» (Bürgi, 2007) Zwanzig Jahre später schrieb Schiller seinen Wilhelm Tell. Das Relief der Urschweiz besteht nicht, wie spätere Reliefmodelle, aus Gips, sondern aus verschiedensten Materialien wie Holzkohle, Ziegelsteine und allerlei wiederverwendete Bruchstücke aus dem Haushalt. Die Oberfl ächengestaltung erfolgte mit einer dünnen Gips-Sandmasse. Darüber liegt eine Schicht aus verschiedenfarbigem Bienenwachs, der die Detailmodellierung ermöglichte. Pfyffer baute sehr solid. Die metallenen Häuser sind nicht einfach aufgeklebt, sondern ins Gelände genagelt, die Strassen sind in
Form von Schnüren von Nagel zu Nagel gespannt und die Flüsse sind mit blaugefärbten Spiralfedern unterschiedlicher Dicke dargestellt. Das Relief besteht aus 136 Einzelteilen, deren Basis aus handlichen Tannenholzkisten unterschiedlichen Formats hergestellt wurde. Sie sind seitlich mit Pappkarton umgeben, der am Holzaufbau festgenagelt wurde. Pfyffer hatte diese Teile fein säuberlich nummeriert und beschriftet.
Zusammengesetzt misst das Relief der Urschweiz 6,70 × 3,7 m und zeigt Luzern, Unterwalden, Zug und angrenzende Kantonsteile von Uri, Schwyz und Bern im Massstab 1:11 500. Die Berge sind nicht überhöht. Der Vierwaldstättersee ist erstmals in der Geschichte lage- und umrissgetreu dargestellt. Mit dem Relief der Urschweiz verfügt Luzern über ein kulturhistorisches Pionierwerk ersten Ranges. Es steht unter kantonalem Denkmalschutz, ist im Besitz der Korporation Luzern und befi ndet sich seit 1873 als Dauerleihgabe im Gletschergarten Luzern. Dieses
Meisterwerk ist entsprechend prominent ausgestellt und bildet ein besonderes
Highlight im Museum.

Quelle: Madlena Cavelti Hammer in "Geomatik Schweiz" 5/2016
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