Ob Zürich, New York oder Buxtehude - ohne Smartphone geht nichts mehr

Anteil der Smartphone- und Tablet-Besitzer in der Schweiz in den Jahren 2012 bis 2016. Eigene Darstellung

Gab es jemals etwas auf der Welt, dass die Menschheit so sehr begleitet hat, das ihr so genützt hat, das sie so abhängig gemacht hat wie das Smartphone? Klar, das Portemonnaie und der Schlüssel sind fast immer am Mann und an der Frau. Doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis beides vom Smartphone ersetzt wird. Und während bei der vergessenen Geldbörse längst nicht jeder wieder umdrehen würde, löst ein zu Hause gelassenes Handy neuster Generation regelrechte Panikanfälle aus.

Ob den Neandertalern der Feuerstein oder die Lanze so wichtig war, wie es uns heute das Smartphone ist? Feuer machen und Tiere erlegen sind beinahe die einzigen beiden Sachen, die der Minicomputer im Taschenformat (noch) nicht kann. Verhungern wird man mit ihm aber dennoch nicht, gibt es doch allein tausende Apps mit Kochanleitungen und Rezepten, oder man bestellt einfach beim Lieferdienst.

Immer mehr Menschen besitzen ein Smartphone

Fakt ist, das Smartphone ist ein Multitalent. Die Kommunikationszentrale ersetzt den Taschenrechner und die Taschenlampe, den Kompass und die Fotokamera, sie bringt uns immer und überall ins Internet. Und dort kaufen wir mit dem Smartphone ein, posten was in unserem Leben gerade geschieht, schauen was bei unseren Freunden passiert, suchen nach einem Arzt, bezahlen den Einkauf im Kiosk, tippen auf Sportwetten, gucken uns das Livebild der heimischen Überwachungskamera an, scannen Dokumente, erledigen Bankgeschäfte, beenden Beziehungen, lassen uns den Brief aus dem Ausland übersetzen, verschicken keine echten Postkarten und dergleichen mehr. Hand aufs Herz: Haben Sie noch einen Wecker zu Hause oder stellen sie abends das Smartphone?

Immer mehr Menschen besitzen ein Smartphone und immer mehr sogar mehrere. Einmal gehabt, kommt kaum einer wieder davon los. Tag für Tag wird es mit seiner Funktionsvielfalt, seiner Praktikabilität, seinem Unterhaltungswert und seinen Kommunikationseigenschaften immer wertvoller und unverzichtbarer für uns. Es vertreibt Langeweile und hilft uns das Berufsleben zu bewerkstelligen.
Und wem haben wir das alles zu verdanken? Steve Jobs und seinem Team. Auch wenn es Vorversionen des Smartphones schon viel früher gab, das erste iPhone, das 2007 auf dem Markt kam, zog die Blicke auf sich, weckte die richtigen Begehrlichkeiten zum richtigen Zeitpunkt und löste damit einen ungeahnten Hype aus. Die Smartphones von Apple gelten noch immer als der Rolls Royce unter den modernen Handys. Das Unternehmen mit dem Apfel-Logo hat es nicht nur dank der schicken Optik und der guten Technik, sondern auch dank der einfachen Bedienbarkeit geschafft, dass Menschen überall auf dem Globus bis heute auf Bürgersteigen campieren, wenn ein neues Modell verkauft wird - auch in Zürich!

Schlange stehen für überteuerte Technik

Menschen also, die ernsthaft tagelang Urlaub nehmen und frieren, nur damit sie 1.000 CHF oder mehr für ein Handy bezahlen dürfen. Darunter jede Menge Jugendliche, die nicht mal über ein Einkommen verfügen. Für viele ist das Smartphone, besonders das von Apple, das neue Statussymbol. Die Generation Y pfeift aufs Auto, sie investiert lieber in tragbare Minicomputer, mit denen sie sich über Uber einen Privatchauffeur bestellen.

Das Smartphone, ganz gleich ob von Apple, Samsung oder einer anderen Marke, hat unser Leben verändert. Nicht nur, weil wir es überall hin mitnehmen, neuerdings sogar unter die Dusche, ist das neuste Modell des iPhones doch nun endlich auch wasserdicht, sondern auch, weil es einfach alle Lebensbereiche durchdingt. Es macht den öffentlichen Raum privat und das Private öffentlich. Es führt uns dazu, noch weniger Wert auf Datenschutz zu legen. Stattdessen teilen wir der Weltöffentlichkeit jede Mahlzeit mit und dokumentieren sie mit einem Foto. Und weil das Handy ständig unseren Standort zu den Satelliten funkt, ist es nicht nur ein mobiles Büro, sondern auch eine freiwillige, gesellschaftlich anerkannte Fussfessel.

Das Smartphone scheint interessanter zu sein als alles andere auf der Welt. Paare sitzen sich im Restaurant gegenüber und starren auf ihre Displays. Die Jugend will keinen Sex mehr, sie will ein iPhone! Auf dem wird dann zwar über Tinder gedatet, aber für den Akt des Geschlechtsverkehrs müsste dann doch das Handy aus der Hand gelegt werden, und das geht nun mal gar nicht. Der Fetisch des Urbanisten ist nicht die Peitsche, sondern das Smartphone.

Praktisch aber gefährlich

Ja, es spricht viel dafür, ein solches Gerät in der Tasche zu haben. Verivox hat einmal zusammengetragen, wie viele Geräte das Smartphone mindestens ersetzt und vor allem, was wir dadurch sparen:

- Digitalkamera: 80 Euro
- Videokamera: 180 Euro
- Navigationsgerät: 120 Euro
- Festnetztelefon: 35 Euro
- Nintendo DS: 150 Euro
- MP3-Player: 50 Euro
- Taschenrechner: 15 Euro
- Uhr: 90 Euro
- Wecker: 20 Euro
- Radio: 25 Euro
- Diktiergerät: 25 Euro
- Anrufbeantworter: 60 Euro

Macht Summa Summarum mindestens 850 Euro Ersparnis, genau so viel, wie die meisten leistungsfähigen Hochklassegeräte kosten. Geschweige denn von dem ganzen Platz, den wir gewinnen, indem wir alles kompakt vereint haben. Platz, der zum Beispiel für neue Bücher genutzt werden kann? Bloss nicht, die kann man ja auch digital lesen!

Ist die Anschaffung eines Smartphones also schon aus rein praktischen und finanziellen Überlegungen Pflicht? Sicher nicht, denn wer nutzt all diese Geräte schon regelmässig. Vielmehr ist das Smartphone Objekt der Begierde, das es mit seinen zahlreichen, oft nur zeitraubenden Möglichkeiten versteht, uns in seinen Bann zu ziehen. Und weil auch noch jeder eins hat, meint man selbst ohne nicht mehr auszukommen.

Doch die Gegentrends machen schon die Runde. Digitale Smartphone-Abstinenz im Kloster kostet fast so viel wie das bessere Telefon. Vielleicht sollte man sich einfach mal wieder auf das Wesentliche besinnen. Die Stadt ohne Smartphone erkunden, sich einfach mal treiben lassen. In einen Burger beissen, ohne ihn vorher fotografiert zu haben. Sich einfach mal auf den Geschmack konzentrieren. Nicht nur Nachrichten über WhatsApp schreiben, sondern sich einfach mal auf einen Kaffee verabreden und persönlich sprechen. Und für alles andere gibt es ja das Smartphone.
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Regina Ell aus Binningen | 07.06.2017 | 13:23  
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