Vortritt ins Verderben (Glosse)

Inexistente Fussgänger- und Lichtregelung* in der Schweiz

Vortritt ins Verderben

GLOSSE von Max J. Fischer, Luzern

* Dieser Artikel entstand v o r dem Lichtobligatorium. Da dieses aber ungenügend befolgt wird und viele Autos einäugig unterwegs sind, treffen die unten folgenden kritischen Anregungen trotzdem in hohem Masse zu.

Es sind in den letzten Jahren sehr viele Unfälle mit dem schalen Beigeschmack einer falschen Gesetzgebung passiert. Es ist höchste Zeit, die gravierenden Schwachstellen im Schweizer Strassenverkehrsgesetz aus der Sicht der Autofahrer, allen voran der sensibilisierten und praxisstarken Vielfahrer, aufzuzeigen. Die Gesetzgeber scheinen nur dann unbürokratisch und schnell zu reagieren und zu regieren, wenn neue Bussen-Einnahmequellen zu erschliessen sind. Jahrelang unheilvoll dahindümpelnde Missstände wie das unsägliche Fussgängergesetz und die verunsichernde Gesetzlosigkeit beim Lichtmodus werden dagegen ignoriert.

Eingestehen des Scheiterns

Man könnte den Verdacht bekommen, dass ein Eingestehen des Scheiterns der jetzigen Bestimmungen und Zustände ein Schuldbekenntnis gegenüber der vielen Opfer auf Fussgängerstreifen bedeuten würde. Wenn sich im Strassenverkehr zwei Missstände, die den Schwächeren noch zusätzlich schwächen, in ihrer Absurdität gegenseitig noch hochschaukeln, kann es nur Verlierer geben. Und Menschenleben fordern. Den nicht existierenden Lichtmodus, welcher beim hier besprochenen Fussgängergesetz ebenfalls eine düstere Rolle spielt, beleuchtet der Autor am Schluss. Das schweizerische Fussgängergesetz ist nach vielen Unfällen auf Fussgängerstreifen bei vernünftig denkenden Autofahrern schon längst zum regelrechten alltäglichen Ärgernis, mitunter gar zum blanken Horror geworden. Und zwar sind es vor allem Vielfahrer, die täglich realisieren, was auf Strassen, besonders innerorts, mit dieser von jedem Beteiligten anders ausgelegten "Regel" alles abgeht.

Fleisch und Blut vs. Stahl

Es kommt der Verdacht auf, dass von der Materie her überforderte Laien vor Jahren auf die physikalisch betrachtet hirnrissige Idee kamen, Fussgänger aus Fleisch und Blut quasi vor Autos und Lastwagen zu treiben. Dass Fussgänger geschützt und bevorteilt werden sollen, sind sich mündige Autofahrer von heute auch ohne dieses Mordsgesetz bewusst. Nicht nur, weil viele Autofahrer im Laufe eines Tages selbst zu Fussgängern mutieren. Das sind dann oftmals die, welche verzweifelt versuchen, ein noch letztes Auto einer kleinen Kolonne oder einen 40-Tönner-Lkw durchzuwinken. Bei einer Umfrage des Autors bei rund 50 Fussgängern zwischen sieben und 87 Jahren haben ausnahmslos alle gesagt, dass sie nicht wissen, wie das Gesetz genau funktioniert. Aber jeder hat gesagt, dass eigentlich das nächstmögliche Fahrzeug anhalten muss, um ihm das Überqueren der Strasse zu ermöglichen. Wir Autofahrer wollen gar nichts anderes: Das Wohl und die Sicherheit des Fussgängers hat Priorität. Aber er darf nicht die Strasse betreten, bevor der rollende Verkehr angehalten hat. Das ist der Punkt, der über Leben und Tod entscheiden kann. Für diese Sicherheit muss der Fussgänger vielleicht mal eine kurze Weile warten, damit ein sinnvoller Moment kommt, wo nicht letzte Autos einer kleinen Kolonne, gerade wieder in Fahrt gekommene Lkw oder zu nah aufeinanderfolgende Fahrzeuge zum plötzlichen Stopp genötigt werden. Autofahrer kommen ja ebenfalls nicht gänzlich ohne Wartezeiten durch den Verkehr. Gelinde formuliert. Um den Anspruch, die Strasse zu überqueren, gegebenenfalls zu betonen, soll ruhig bei zu langem Ignorieren der Fahrzeuglenker auch mit Handzeichen auf sich aufmerksam gemacht werden. Aber Lastwagen und letzte Autos wegen ein paar Sekunden Wartezeit unnötig zum Stillstand zu bringen, ist kleinkariert, umweltfeindlich (Abgase und Lärm) und unfallgefährdend (Auffahrkollision).

Priorität, aber kein Vortritt

Autofahrer müssen fussgängerbewusst unterwegs sein. Innerorts darf, was eigentlich sowieso allgemein verboten ist, ebenfalls nich zu nah aufgeschlossen werden, damit der Vorausfahrende seinem Fussgänger-Priorität-Verhalten nachkommen kann. Das "Einundzwanzig-zweiundzwanzig"-Zählen für den Minimalabstand sollte jeder wieder aufleben lassen. Dass Fussgänger jedoch bei daherrollendem Verkehr auf die Strasse laufen, muss verboten werden, um ihn und den Autolenker vor grossem Unheil zu schützen. Autofahrer werden wegen vergleichsweise belanglosen Dingen gebüsst. Warum sollte man nicht Fussgänger mit Bussandrohung dazu bewegen, sich nicht in Lebensgefahr und den beteiligten Autofahrer schlimmstenfals ins Gefängnis zu bringen oder in den Suizid zu treiben. Dramen, die leider viel zu häufig stattfinden. Eine Sekunde gedankenverlorener Egoismus des Fussgängers, ein kleiner Moment Ablenkung des Autofahrers: Wenn solcherlei aufeinandertrifft, können Menschenleben und damit ganze Familien zerstört werden. Was das ganze dramatische Gefahrenpotenzial am Zebrastreifen noch zusätzlich in die Höhe treibt, sind Fussgänger mit Musik im Ohr und dem Handy vor den Augen. Da laufen immer wieder Menschen aus dem toten Winkel mit Multimediazudröhnung vor das sich nach dem Durchlassen von Fussgängern wieder in Fahrt kommende Auto. Dass sich diverse Fussgänger unter Medikamenten, Alkohol und Drogen auf der Strasse fortbewegen, gehört ebenfalls zum Alltag. Jeder hängt noch seinen Tagesproblemen nach und stürzt urplötzlich vom Trottoir auf die Strasse.

"Office View"-Effekt

Autofahrer sind sogar schuldig, wenn ihnen jenseits der gelben Streifen ein Lebensmüder oder Verwirrter, ein Betrunkener oder unter Medikamenten-Nebenwirkungen halb im Dilirium Torkelnder vor den Wagen springt. Lenker sind heute punkto Konzentration nicht mehr so souverän wie früher. Die Augen sind spätestens nach Feierabend bei bald 90 Prozent Bildschirmjobs müde und gereizt. Die Reflexe werden langsamer. Das Auge braucht deutliche Kontraste und Farbreize, um zu reagieren. Krassestes Beispiel: An einem Winterabend, wenn Regenglanz das Licht auf der Strasse frisst, die Scheiben leicht beschlagen sind, der Scheibenwischer schmiert, die Augen den "Office View"-Effekt haben, taucht aus halbtotem Winkel eine Schattengestalt mit dunkler Kleidung, vielleicht noch mit Musik im Ohr und völlig abwesend vor dem rollenden Auto auf und weiss im Unterbewusstsein, dass man über Fussgängerstreifen wie Jesus über den See Genezareth wandeln kann und alle Autofahrer schon bremsbereit sind. Bis ein Autofahrer kommt, der gerade einen Moment aufs Navi, in den Rückspiegel oder auf eine Person auf der anderen Strassenseite, auf ein Plakat, das ebenfalls noch als Ablenkung das neuste Mobiltelefon-Internet-Paket anbietet, schaut, und eben diese ein bis zwei Sekunden von zwei sich im Blindflug befindenden Verkehrsteilnehmern zu eben einem dieser oft tödlichen Kollisionen von Schwach mit Stark führen.

Kamikaze-Fussgänger

Wenn aber der Schwache von Anfang an weiss, dass er nur den Vortritt hat, wenn er vom Stärkeren sichtbar gewährt wird, wird die Hierarchie wieder soweit hergestellt sein, dass nicht mehr die Angst und die Unsicherheit regieren. Dazu kommt noch folgende dramatische Tatsache: Wir sind das einzige Land mit dieser unheilvollen Regelung. Wenn ein Ausländer in die Schweiz fährt, wird er an der Grenze auf der Hinweistafel zu den Höchstgeschwindigkeiten nicht einen Deut auf die gefährliche Tatsache hingewiesen, dass ihm schon bald wie beim Wildwechsel zumute sein wird. Und der Kamikaze-Fussgänger sieht ja ebenfalls nicht, dass ein "nichtwissender" Fahrer aus einem Land mit physikalisch logischen Regeln, die von (sagen wir mal) weitsichtigen Gesetzgebern kreiert wurden, auf ihn zufährt. Der Autor und einige Familienväter aus seinem Bekanntenkreis haben selber erlebt, wie ihre Kinder in Portugal und Italien beinahe vor durchrasende Autos gelaufen sind. Alte Leute tun sich im Ausland ebenfalls schwer mit der Umstellung. Menschen sind Gewohnheitstiere. In diesem Fall kann das tödlich sein. Fazit: Die Fussgängerregelung muss den Gegebenheiten angepasst werden. Der Fussgänger soll weiter Priorität haben, aber nicht den Vortritt. Dieser muss ihm vom Autofahrer möglichst schnell gewährt werden, aber nur dann, wenn für beide Seiten keine zusätzliche Gefahr auszumachen ist.

Der Tod fährt ohne Licht

Zum gesetzlosen Zustand betreffend Licht kann ebenfalls nur der Kopf geschüttelt werden. Dem Autor sind stellvertretend für viele Unfälle zwei Dramen im Kanton Aargau bekannt. Dort kamen innert zwei Jahren in einem Waldabschnitt auf einer Kantonsstrasse zwei Männer ums Leben, die aus dem Auto stiegen und im Wald spazieren gehen wollten. Die beiden je unfallverursachenden Fahrzeuge hatten kein Licht. Wenn an einer Stelle, die etwas weniger Lichteinfall aufweist, Fahrzeuge mit unterschiedlichem Lichtmodus angefahren kommen, dann nimmt das Auge (auch hier gilt das Thema "Office View" und Reizüberforderung) nur z. B. die weiter hinten mit Licht erscheinenden Fahrzeuge wahr, das vorderste ohne Licht wird fatalerweise kaum registriert. Erst recht, wenn im Hintergrund die Waldlichtung mit Sonneneinstrahlung blendet. Das menschliche Auge braucht je älter, desto länger für die Anpassung an die Lichtverhältnisse und erst recht an schnelle Lichtwechsel. Und die Sehgewohnheiten der Computergenerationen braucht ganz einfach mehr und zudem verlässliche Informationen, um zu reagieren.

Wie beim Karnevalsumzug

Darum versteht es sich von selbst, dass es absolut unverantwortlich ist, wenn auf den Strassen eine bunte Mischung von Lichtlosen, Halbbeleuchteten, Einäugigen und Vollbeleuchteten wie beim Karnevalsumzug unterwegs ist. Und bei den Tagfahrlicht-Fahrzeugen ist es seltsam, dass hinten noch kein LED leuchtet. Die Fahrer mit Lichtautomatik haben oft bis spät in die Dämmerung das Gefühl, sie seien genügend beleuchtet unterwegs. Zu schlechter Letzt frägt sich, warum die moderne Technologie es nur sehr selten zustande bringt, dem Autofahrer defekte Lichter anzuzeigen. Die viel zu vielen Einäuger und Lichtlosen sind ein Ärgernis sondergleichen. Jeder Leser dieser Zeilen, der gerne sicher mit dem Auto unterwegs ist, dürfte ebenfalls einsehen, dass es nur eine Lösung gibt: Lichtobligatorium. Auf ein Gesetz mehr kommt es den sowieso arg gebeutelten Autofahrern nicht mehr darauf an. Vor allem, wenn es x-mal mehr Potenzial aufweist, Unheil abzuwenden, als manche Tempobeschränkung.
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Roger Ramuz aus Luzern | 28.09.2015 | 22:44  
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