Konstantin Wecker und Band: Poesie und Widerstand KKL Luzern, 18. Dezember 2017, besucht von Léonard Wüst

    Unermüdlich engagiert präsentierte sich das Urgestein aus Bayern im gut besetzten Konzertsaal des KKL in Luzern. Nachdem sich seine fünf Mitmusiker (darunter eine Dame) auf der Bühne platziert hatten, enterte auch Wecker unter grossem Applaus und Jubel dieselbe. Er greift in die Tasten des Konzertflügels und die rockige Version von "Sage Nein" ist der fulminante Start ins Konzert, das sich dann, je länger je mehr zu einer musikalischen Lesung der ganz besonderen Art entwickeln sollte. Gleich nach dem Lied begrüsste Wecker das Publikum und erklärte, dass er das, original in D-Moll komponierte Lied, glaubte in eine andere Tonart transponieren zu müssen (und auch tat), da der Grundakkord von D-Moll absteigend, ja aus den drei Tönen A, F, D bestehe. Dieses Statement quittierte das Publikum mit starkem Applaus.
Der Balance-Akt zwischen ruhigem, zumeist auf dem Piano vorgetragenen Liedgut "Endlich wieder unten, "Niemals Applaus“ (Für meinen Vater), „Die weisse Rose" und Weltmusik -Exzessen im Stile von "Weltenbrand", meisterte der Liedermacher-Guru nahtlos und energiegeladen.
Es folgte Lied auf Lied, unterbrochen durch Monologe, Anekdoten aus seinem prallgefüllten Leben und natürlich Applaus, viel Applaus. Zwischendurch hatten auch seine Mitmusiker, von denen ein jeder mindestens zwei Instrumente beherrschte, Gelegenheit, mit Soli zu glänzen. So spielte z.B. die Cellistin ebenso gut den Elektrobass, der Violinist beherrschte auch die Leadgitarre ausgezeichnet, usw. Wecker meinte, er habe 50 Jahre darauf gewartet, endlich 70 zu werden, die ersten 20 Lebensjahre könne man ja nicht voll anrechnen. Dann interpretierte er Lieder aus seinem frühen Schaffen, danach sang er sich nach und nach über die jüngste Vergangenheit, z.B. mit „Der alte Kaiser“ (komponiert als Hommage an die Aufständischen auf dem Tahrir-Platz) bis in die Gegenwart. Ein Streifzug durch ein ganzes Künstlerleben, das nicht nur mit Glanzlichtern gesegnet ist, sondern auch grosse Brüche aufweist.

Noch immer mal wütender Rebell, mal zärtlicher Poet

Wecker kam aber immer gestärkt zurück, nichts konnte seiner Popularität etwas anhaben. Wecker-Fans sind unerschütterlich und treu ergeben. Amüsiert schaut der Künstler zurück. Seinen Karrierestart als Darsteller in Softpornos nutzt er gar, um sein Machoimage zu untermauern. Ein Gehabe, dass sogar seinem verehrten Vater einst die Bemerkung entlockte: „Aha, Männlein will Mann spielen.“
Selbst eine so grosse Künstlerin wie Mercedes Sosa coverte mit „Ich singe weil ich ein Lied hab“, einen Wecker-Song, das Lied, das sie auch gemeinsam bei einem Konzert 1988 in Wien, zusätzlich ergänzt durch Joan Baez, interpretierten.

Eine unendlich erscheinende Karriere

Über 50 Jahre schon bespielt Wecker die Bühnen Europas, gar der Welt, und es macht nicht den Anschein, als ob er nächstens in Rente geht und sein spätes Familienidyll noch intensiver geniessen will. Unruhig unterwegs ist er noch immer. Vielleicht, Altersweisheit geschuldet, nicht mehr ganz so zornig, nicht aber weniger engagiert. Seinen Anhängern, meist im gleichen Alter, geht es wohl ähnlich. Alt-68er. Von Utopisten zu Realisten mutiert, ohne ihre Träume zu verlieren oder Idealen abzuschwören. Wecker und Band interpretieren Song für Song, ergänzt durch des Meisters Anekdoten und Erinnerungen an musikalische Weggefährten, amüsante und ernste Begebenheiten, Lebensirrtümern, Irrwegen und Verfehlungen. Die späte Rückkehr auf den Pfad der Tugend, unterstützt von seiner damaligen Frau Annik, bereichert durch die beiden gemeinsamen Söhne.
Vielseitigkeit ist ein Markenzeichen von Konstantin Wecker
Er singt nicht nur seine Lieder. Er textete und komponierte auch für andere, wirkte als Schauspieler in vielen Gastrollen mit, komponierte Filmmusik, schrieb gar ganze Musicals, u.a., das Hundertwasser-Musical, zusammen mit Christopher Franke das Musical Ludwig, usw. Seit dem Wintersemester 2007/2008 hat Wecker an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg einen offiziellen Lehrauftrag angenommen. Immer wieder engagiert er sich politisch und auch sozial an vorderster Front, wurde und ist eine Ikone der antifaschistischen Bewegung

Unterstützung durch grossartige Mitmusiker

Unterstützt von seiner grossartigen Band erlebten wir eine, auch instrumental, begeisternde Performance. Im ersten, rund 90-minütigen Konzertteil bestand für einen kurzen Moment die Gefahr, dass Wecker etwas allzu lange den „Moralapostel“ in sich raus lässt, aber da er dies immer mit grosser Glaubwürdigkeit und nicht als Phrasendrescher macht, wirkte es nie peinlich oder belehrend. Am stärksten und berührendsten immer die Momente, wenn der Künstler von ihm geschriebene Poesie rezitierte, meist mit feiner Backgroundmusik seiner Band unterlegt.

Auch beeindruckend der zweite Konzertteil

Nach der Pause gings nahtlos weiter mit berührenden Texten und eindrücklichen Melodien des rebellischen Poeten (oder doch eher des poetischen Rebellen?) und seinen Mitmusikern. Gar einen „Wehdam“, den bayerischen Blues, packten sie aus, den sie dann ausführlich zelebrierten mit vielen Soli, einem antreibenden, fordernden Wecker und der zum Schluss mit viel Drive fast in eine Art Mix von Rock`n Roll/Boogie Woogie mündete.

Glanzlicht des zweiten Konzertteils war „Niemals Applaus“, eine rezitierte Hommage an seinen nicht sehr erfolgreichen als Opernsänger tätigen Vater, unterlegt mit der Puccini-Arie „Nessun dorma“ aus der Oper „Turandot“.

Als erste Zugabe setzte der weise reifere Herr mit "Ich habe einen Traum" ein weiteres markantes Ausrufezeichen, worauf sich das Publikum erhob und ihrem so vertrauten, langjährigen Begleiter und seinen exzellenten Mitmusikern eine tosende, nicht endende „Standing Ovation“ bereitet. Dafür wurden wir mit einer weiteren Zugabe belohnt.
Der Ausnahmekünstler animierte das Auditorium noch zum Mitsingen der „Ode an die Freude“, welche er auf „weckersche Art“ intonierte und textete. Er verliess die Bühne, singend, streifte durch die Sitzreihen, umarmte diese und jenen, feierte seine Fans, die wiederum feierten ihn, kehrte schlussendlich auf die Bühne zurück und genoss mit seinen Mitmusikern eine langanhaltende stehende Ovation. Wecker bleibt Wecker, immer ein aussergewöhnliches Erlebnis.

LéonardWüst
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