Lucerne Festival, Sinfoniekonzert 15 Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY | Matthias Pintscher | Solisten, 1. September 2018, besucht von Léonard Wüst

 
LUCERNE FESTIVAL, Sommer-Festival 2018, Sinfoniekonzert 15, Peter Eötvös mit der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY unter der Leitung von Matthias Pintscher nach der Erstaufführung seines Werkes "Reading Malevich" Luzern, den 01.09.2018 Copyright: Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL
 
LUCERNE FESTIVAL, Sommer-Festival 2018, Sinfoniekonzert 15, Peter Eötvös mit der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY unter der Leitung von Matthias Pintscher nach der Erstaufführung seines Werkes "Reading Malevich" Luzern, den 01.09.2018 Copyright: Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL
Ein Konzertabend mit, die Ausnahme, das Konzert für zwei Klaviere und Orchester des Kölners Bernd Alois Zimmermann, bestätigt die Regel, ausschliesslich Werken ungarischer Komponisten. Würde der magyarische auch ein magischer Abend? Der Dirigent des Abends, der 47jährige Matthias Pintscher, war u. a Schüler des ungarischen Komponisten István Nagy und von Manfred Trojahn an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf. Ebenso studierte er bei Giselher Klebe in Detmold und war ein späterer Zögling von Pierre Boulez. Er ist in Luzern, vor allem auch seit seiner Zeit im Jahre 2006 als „Composer in Residence“ am Lucerne Festival, bestens bekannt und vernetzt. Seit 2013 leitet er das Ensemble intercontemporain in Paris und seit dem Sommer 2016 leitet er als Principal Conductor das Orchester der Lucerne Festival Academy an der Seite von Wolfgang Rihm.


Zum Konzert

Nachdem sich ein Teil des Orchesters, die Streicher, auf der Bühne eingerichtet hatte betrat Festivalintendant Michael Häfliger dieselbe, was normalerweise die Ankündigung einer Besetzungsänderung bedeutet. In diesem Fall verkündete er aber bloss eine Programmumstellung, d.h. der vorgesehene zweite Konzertteil würde zuerst gespielt, folglich der angedacht erste Teil nach der Pause und dies in umgekehrter Werksabfolge. Also war dann der Konzertablauf so, wie im Internet gelistet, nicht aber im gedruckten Abendprogramm.

Ein fernöstlich angehauchter Ungare

Dann eröffnete Dirigent Matthias Pintscher den Konzertabend mit „Lethe für“ Streichorchester von Máté Bella, ein Werk nur für Streicher, aber trotzdem nie langweilig. Bella versteht es ausgezeichnet Spannungsbögen zu entwerfen, indem er mal den hochtönigen Violinen den Raum gibt, was dann ein Sirren erzeugt, wie bei einem aufgescheuchten Hornissenschwarm, mal lässt er die Celli und Bässe grollend brummen, führt dann alle wieder zusammen zum Ganzen. Mit Glissando-Strukturen und asiatisch anmutenden Spieltechniken entwirft er ein exotisches Fernost-Kolorit in diesem Kompositionsauftrag der musica viva des Bayerischen Rundfunks
in Zusammenarbeit mit der Peter Eötvös Contemporary Music Foundation, von Pintscher mit sehr viel Körpersprache und sichtlicher Freude dirigiert, unterstützt von seinen vollmotivierten Mitmusikern. Auch das zahlreiche Publikum hatte seine helle Freude und spendete dementsprechenden Beifall.


Solistin Tamara Stefanovich

Tamara Stefanovich, geboren 1973 in Belgrad, trat bereits als Siebenjährige öffentlich auf und war mit 13 Jahren die jüngste Studentin an der Universität Belgrad. Nach dem Diplom setzte sie ihre Ausbildung bei Claude Frank am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie bei Pierre-Laurent Aimard an der Kölner Musikhochschule fort und gastiert heute in den grössten Häusern weltweit.

Solist Pierre-Laurent Aimard

Pierre-Laurent Aimard, der 1957 in Lyon geboren wurde, studierte am Pariser Conservatoire bei Yvonne Loriod und bei Maria Curcio in London. Ausserdem nahm er an den Analyseseminaren von Pierre Boulez am Pariser IRCAM teil und besuchte Kurse von György Kurtág in Budapest. 1973 gewann er den Messiaen-Preis in Royan und gilt seither als berufener Interpret der Werke dieses Komponisten. Als Boulez 1976 das Ensemble intercontemporain gründete, ernannte er Aimard zum Solopianisten. Der Pianist war 2007 „Artist étoile“ am Lucerne Festival.

Zimmermanns futuristische Dialoge. Konzert für zwei Klaviere und Orchester

Nun platzierten sich auch noch die restlichen Musiker zu den Streichern und die beiden Konzertflügel wurden in die Mitte gerollt.
Für seine pluralistische Kompositionstechnik, am 5. Dezember 1960 in Köln uraufgeführt, schrieb der Komponist einzelne Partituren für über 100 Instrumente, ein enormer Aufwand, den das Resultat rechtfertigt. Nach einem Fagott lastigen Beginn, garniert mit Xylophon Passagen, setzen schon bald beide Klaviere ein, die während des Werks mal einzeln, mal zusammen, öfters mit der gleichen, dann wieder mit unterschiedlicher Melodik ins „Geschehen“ eingreifen, sich aber dem Orchester nie überordnen, ganz dem Gesamten dienend. In die ausgedehnte Kadenz am Ende des Werks hat Zimmermann mehrere Teile aus Mozarts Klavierkonzert in C-Dur KV 467, aber auch musikalische Gestalten aus Debussys Jeux und Jazzelemente integriert. Die beiden Solisten wurden mit ihrer präzisen Bravour dem widerstreitenden Charakter des Werkes jederzeit auf höchstem Niveau gerecht. Dieses orgiastische Wetterleuchten mit schrillen Alltagsgeräuschen in mehrdeutigen Klangbildern ist eine aussergewöhnliche Collage. Und diese "Dialoge" mit dem infernalischen und auch geheimnisvoll stillen Ausdrucksspektrum brachte Matthias Pintscher mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra zu einer Aufführung von ebenso großer Transparenz wie Ausdrucksdichte. So entstehen „Dialoge über die Zeiten hinweg von Träumenden, Liebenden, Leidenden und Betenden“ (Zitat Zimmermann). Die Interpretation belohnte das Auditorium mit langanhaltendem enthusiastischem Applaus.

Uraufführung eines Auftragswerks der «Roche Commissions»

In Anwesenheit des Komponisten Peter Eötvös und des Verwaltungsratspräsidenten von „Roche“, Christoph Franz erklang dann das Auftragswerk «Reading Male¬vich», worin der Komponist die Motive des Bildes «Supremus Nr. 56» des russischen Malers Kasimir Malewitsch in Klangbilder verwandelt. Auch Eötvös instrumentiert ungewöhnlich und modern, wie sein Landsmann Kurtag, so waren u.a., nebst der „Normalinstrumentierung“, noch diese Instrumente vertreten: E Bass, E Gitarre, Akkordeon und Hackbrett. Dies ermöglicht ganz neue Klanggebilde, die in Komplexität, die Dichte des Konstrukts ebenso abstrakt und progressiv herüberkommen wie das Gemälde. Trotz dem eher kühl distanzierten Tongedicht, konnte sich das Auditorium für das Werk erwärmen und bezeugte die mit starkem Applaus und steigerte diesen noch, als sich Komponist Eötvös zu den Musikern auf die Bühne gesellte.

Konzertabschluss mit Kurtags „Stele“ für grosses Orchester

Kurtag ist der wohl meistaufgeführte Komponist der neueren ungarischen Komponistengilde, daher sind seine schrägen Töne den meisten Konzertbesuchern auch schon etwas vertrauter. Dennoch erstaunt es immer wieder, wie sich durch die ungewohnte Orchestrierung völlig ungewohnte Klangbilder formen. Feinsinnige Strukturen werden abgelöst von impulsiven Eruptionen, wo die impulsiven Streicher aufbegehren, beruhigt die Querflöte, die dann vom Horn überflügelt wird, bevor Kurtag alles wieder in das Flussbett zurückführt. All diese Gegensätze und Ungereimtheiten setzt der engagierte Pintscher am Pult präzis und emotional um, unterstützt von seinen kongenialen Mitmusikern. Die offensichtliche Spielfreude der Protagonisten überträgt sich auch auf das begeisterte Publikum, das dann auch einen langanhaltenden stürmischen Schlussapplaus spendete.
Zeitgenössische Werke sind irgendwie immer ein geordnetes Chaos oder eine chaotische Ordnung der Töne.
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LéonardWüst
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