Lucerne Festival, Sinfoniekonzert 19 Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam | Manfred Honeck | Anett Fritsch, 5. September 2018, besucht von Léonard Wüst

    Die Mitteilung des Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra vom Juli diesen Jahres schlug ein wie eine Bombe: Man habe die Zusammenarbeit mit dem Chefdirigenten Daniele Gatti per sofort beendet. Der Grund: Gatti soll Musikerinnen sexuell belästigt haben. Erste Vorwürfe waren in der «Washington Post» aufgetaucht; zwei Sopranistinnen schilderten dort Vorfälle aus den Jahren 1996 und 2000. In der Folge haben dann auch Musikerinnen des Concertgebouw Orchestra «unangebrachtes Verhalten» ihres Chefdirigenten beklagt. Das reichte für eine fristlose Entlassung. Deshalb stand nun anstelle von Gatti der österreichische Dirigent Manfred Honeck, Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra am Pult.

Richard Wagner Vorspiel zum dritten Akt aus „Die Meistersinger von Nürnberg“

Mit diesem Vorspiel eröffnete Arturo Toscanini im legendären „Concert de Gala“ mit einem ad hoc Elite Orchester am Tribschen beim Richard Wagner Haus am 25. August 1938 die allerersten „Internationalen Musikfestwochen“ Luzern (IMF), welche im Jahre 2001 in „Lucerne Festival“ umbenannt wurden. Dieses kurze Werk war optimal für die Musiker um sich einzuspielen und das Publikum so richtig ins Konzert einzustimmen.

Die Solistin des Alban Berg Liederzyklus

Anett Fritsch zählt zu den wenigen Sängerinnen, die alle drei zentralen Frauenrollen in „Le nozze di Figaro“ verkörperten und sie konnte u.a. schon diese Preise ernten: 2001 Internationaler Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb den ersten Preis und Preisträgerin 2006 und 2007 am Internationalen Gesangswettbewerb der Kammeroper Schloss Rheinsberg. Die deutsche Sopranistin (*1986), für die es das Debut am Lucerne Festival war, gibt in der Saison 2018/19 die Arminda in La finta giardiniera von W. A. Mozart an der Mailänder Scala unter der Leitung des Schweizer Dirigenten Diego Fasolis.

Alban Berg Fünf Orchesterlieder op. 4 nach Texten von Peter Altenberg

Verstörend die Komposition des Arnold Schönberg Schülers, irgendwie nachvollziehbar die ungnädig ablehnende Aufnahme beim Wiener Publikum, das bis anhin ja nur tonale Musik kannte, bei der Erstaufführung (inkl. Unmutsäusserungen wie Tumulte, Pfiffe, Gelächter, Geschrei usw.) Ein veritabler Skandal, die Veranstaltung musste gar abgebrochen werden. Ein Arzt, der Augenzeuge war, gab zu Protokoll, dass die Musik bei einigen Besuchern äussere Anzeichen einer schweren Depression auslösten. Da Berg atonal komponierte und für ihn der Ausdruck „Emanzipation der Dissonanz“ einen hohen Stellenwert hatte, erstaunen die Reaktionen nicht, bloss deren Heftigkeit.
Z

um Werk und dessen Interpretation:

Bereits in Takt 2 setzt die Singstimme ein. Diese ahmt, im Gegensatz zu den Bläsern, in ihren ersten zwei Takten das Taktmetrum rhythmisch nach. Sie beginnt mit einer chromatisch absteigenden Linie, die im Takt 3 einen Ganzton höher sequenziert wird. Der Text „Über die Grenzen des All“ wird hierbei konsequent syllabisch ausgedeutet, jeder Silbe wird ein Viertel zugeordnet und durch die Taktart wird das daktylische Metrum des Textes umgesetzt. Dem Wort „All“ wird allerdings durch ein Tritonus-Intervall abwärts (G-Cis) der bisher tiefste und längste Ton, eine Halbe, zugeordnet und somit deutlich hervorgehoben. Der Tritonus gilt als diabolus in musica, weshalb man diese Stelle auch als Vorausblick auf den Inhalt des dritten Verses sehen könnte. Ein weiterer Tritonus befindet sich in Takt 5 auf die beiden letzten Viertel. Auch hier wäre der Tritonus (As-D) als schlechtes Zeichen deutbar, oder besser als Schuldzuweisung an das „du“, dass seine spätere Situation selbst zu verantworten hat. Äusserst souverän sang sich Anett Fritsch durch die sehr anspruchsvolle Partitur, präzis und souverän supportiert von Dirigent und Orchester und frenetisch applaudiert vom Auditorium.

Zitat des Wiener Literaten Edmund Wengraf:

„Das Wiener Theaterpublikum gehört zu dem gefürchtetsten der Welt, nicht wegen seiner kritischen Schulung, sondern wegen seiner Blasiertheit, wegen der anspruchsvollen Lässigkeit, mit der es dasitzt und unterhalten sein will, ohne seinerseits hierzu mit der allermindesten Anstrengung beizutragen. Man sitzt im Theater wie im Kaffeehaus. Hier will man nicht lesen, sondern nur blättern, dort will man nicht nachdenken, sondern nur amüsiert sein.“
Als wenn die Reaktion des Publikums für die Komponisten nicht schon kränkend genug gewesen wäre, kam für Alban Berg noch hinzu, dass Schönberg die Lieder regelrecht ablehnte. Berg zog daraus die Konsequenz für sich und lies sein op. 4 nicht mehr aufführen. Die erste vollständige Aufführung der Altenberglieder gelang erst – nach Alban Bergs Tod 1935 – im Jahre1952 unter Jascha Horenstein in Rom.

Das Schwergewicht Bruckner im 2. Konzertteil

Anton Bruckner widmete die gewaltige Dritte Sinfonie seinem grossen Idol Richard Wagner, «dem unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst». Für Wagner war der anhängliche Bruckner aber bloss ein nützlicher Idiot; immerhin konnte er mit dessen Namen dem Kollegen Brahms eins auswischen, indem er Bruckner als das dritte große „B“ nach Bach und Beethoven bezeichnete. Speziell bei der Umsetzung der Sionfonie ist, dass in der Regel Scherzo und Finale immer zuerst geprobt werden, denn deren Streicherpassagen haben es in sich!

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 3 d-Moll 3. Fassung von 1889 in Edition von Leopold Nowak

Das Finale beginnt wie ein kreisender Vogelschwarm. Das zupackende Hauptthema ist rhythmisch aus dem ersten Satz und harmonisch aus dem Scherzo gewonnen. Das zweite Thema ist ein Simultanthema: Im Vordergrund dreht sich ein Kirmestanz, im Hintergrund zieht eine Prozession. Das wilde dritte Thema assoziiert Orgelwirkung mit seinen hinterherhallenden Bassgängen. Dirigent Honeck führte zügig, gut dosiert in den Lautstärken, mit viel Gestik und Körpereinsatz durch die Partitur, nahm zum optimalen Zeitpunkt Tempo heraus, das er exakt am richtigen Punkt wieder forcierte. überdehnt genüsslich etwas die kurzen Pausen, die Bruckner dramaturgisch eingebaut hat. Die Symphonie endet in triumphalem D-Dur – wie es das Hauptthema versprochen hatte.

Eine eher etwas unterkühlte Interpretation

Die Interpretation konnte nicht wirklich berühren, etwas seelen- emotionslos, irgendwie zu technisch. Der Dirigent fand den direkten Draht zu seinen Mitmusiker nicht. Wahrscheinlich hat die „Affäre Gatti“ doch mehr Spuren hinterlassen, die Musiker des Concertgebouw Orchestra möglicherweise doch mehr verunsichert als gemeinhin angenommen.
Die Akklamation des Publikums am Schluss war trotzdem langanhaltend, wenn auch eher höflich, denn begeistert.

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LéonardWüst
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