Lucerne Festival, Sinfoniekonzert 2 Filarmonica della Scala | Riccardo Chailly, 21.März 2018, besucht von Léonard Wüst

    Riccardo Chailly, seit 2015 Musikdirektor an der Mailänder Scala, mit seinem eigentlichen Stammorchester, der Filarmonica della Scala (gegründet im Jahre 1982 von seinem Mentor Claudio Abbado) im Konzertsaal des KKL in Luzern, eine äusserst spannende Konstellation, amtiert Chailly seit 2016 doch auch als Chefdirigent des „Lucerne Festival Orchestra“. Demnach fast so etwas wie ein doppeltes Heimspiel.

Tschaikowskys „Sinfonie Nr. 2, genannt die „kleinrussische“, im ersten Konzertteil

Während eines Aufenthaltes auf dem Hofe seines Schwagers in Kamenka ( Kamjanka) in der heutigen Ukraine, die man damals, zu Zarenzeiten, Kleinrussland nannte, komponierte Tschaikowsky diese Sinfonie, aufbauend auf drei kleinrussischen Volksliedern und geprägt von ländlichen Eindrücken dieses Sommers 1872. Das Werk wurde am 7. Februar 1873 in Moskau uraufgeführt, die total revidierte Fassung am 12. Februar 1881 in Sankt Petersburg. Ausser das erste der Lieder, das bekannte „Drunter bei Mutter Wolga“ ist es ein schon fast fröhliches, heiteres Werk, im Gegensatz zu doch eher düsteren anderen Kompositionen des in Kamsko-Wotkinski Sawod (heute Wotkinsk, Udmurtien), geborenen Künstlers. Mit der Kombination statischer Variationsreihen mit einem dynamischen Sonatensatz und deren harmonisch – tonale Verschiebungen scheint der Komponist bereits im folgenden, dem 20. Jahrhundert, angekommen. Dirigent Chailly führte denn das Orchester fast beschwingt durch die Partitur, die trotz der scheinbarer Leichtigkeit, doch einige Tücken aufweist, die aber keinerlei Problem darstellten für das routinierte, im Jahre 1982 von Claudio Abbado gegründete Orchester aus Mailand.
Die relativ selten gespielte Sinfonie, die zum ersten Mal überhaupt am Lucerne Festival aufgeführt wurde, sowie deren Interpretation durch die Protagonisten, vermochte das Publikum zu begeistern, das dementsprechend kräftigen, langanhaltenden Applaus spendete. Gutgelaunt und aufgeräumt begab man sich in die folgende Pause.

Etwas Schostakowitsch und viel Strawinsky im zweiten Konzertteil

Ebenfalls erstmal am Lucerne Festival aufgeführt wurde zuerst die Suite aus der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, Schostakowitschs verstörende Adaption des Klassikers. Da offensichtlich die Musik nicht liniengetreu war, resultierte damals der folgende Verriss in der „Prawda mit dem Titel „Chaos statt Musik“: Zitat: „und das alles ist grob, primitiv und vulgär, sodass in keiner Weise von Satire die Rede sein“. Man vermutet bis heute, dass Stalin selbst der Autor dieser Zeilen war. Schostakowitsch fiel denn auch prompt für eine lange Zeit in Ungnade, seine Werke nur noch selten gespielt bis zu seiner Rehabilitation. Die Suite widerspiegelt die damals im Lande herrschende Verrohung, die brutalen Sitten und die Atmosphäre beständiger Gewalt im Volk. Er verfasste sie, die drei Zwischenspiele koppeln sollte, höchst selbst kurz nach Abschluss der Opernpartitur. Eine Aufführung aus dieser Zeit ist nicht dokumentiert, sodass der 8. Juni 2005, Aufführung durch das Radio – Sinfonieorchester Stuttgart, als eigentliche Uraufführung gilt. Auch dieses kurze Werk und dessen Interpretation fanden den Gefallen des Auditoriums, das wiederum begeistert applaudierte.
K

rönender Abschluss mit Strawinsky

Die Gelegenheit, um noch einmal so richtig ihr grosses Können demonstrieren, bot sich den Musikern mit dem letzten Werk des Abends, dem 1910 von Igor Strawinsky in Paris für die Compagnie der Ballets Russes komponierten „Petrouschka“, zu welchem der Komponist, zusammen mit Alexandre Benois, auch das Libretto verfasste. Ursprünglich als Konzertstück für Klavier und Orchester konzipiert, adaptierte Strawinsky den Stoff für das Ballett, erschuf mit seinen Puppenfiguren eine Fantasiewelt, die er aber in den Rahmen einer realen Welt, den Sankt Petersburger Fastnachtsmarkt einbettete.

Ein Werk mit zwei völlig unterschiedlichen Klangwelten

So entstehen eigentlich zwei Klangwelten, die real – folkloristische mit Jahrmarktsgeräuschen u.a. von Drehorgeln, Ausrufern usw. und die surreale Klangwelt der Puppen, die in einer Dreiecksbeziehung gefangen sind. Berühmtheit erlangte vor allem das Leitmotiv Petrouschkas, eines auf – und absteigenden Dreiklangs, ein total schräger, weil bitonal aus C Dur und Fis Dur. was zusammen den berühmten „Petrouschka Akkord“ ergibt, ähnlich bekannt wie Wagners „Tristan Akkord“. Riccardo Chailly schälte die Nuancen der Komposition feinfühlig heraus, liess es, immer mit vollstem Körpereinsatz, auch mal krachen, zelebrierte die Pianissimo mit zarten Fingergesten, lobte mit zustimmendem Kopfnicken, forderte mit ausholenden Armbewegungen mehr Tempo ein. Die Filarmonica ergab sich ihrem Leiter, interpretierte die Komposition in Perfektion, auch mal mit einem leisen Schmunzeln, dann wieder energisch kraftvoll. Die Figuren, der Kasperl (Petruschka), die selbstverliebte Ballerina und der ebenso prächtige, wie dumme Mohr, präzis herausgearbeitet, kontrapunktierten das kommune Jahrmarktstreiben. Absolute Weltklasse, ob Solisten, das Orchester als gesamtes und die Interpretation. Dementsprechend begeistert fiel dann der Schlussapllaus aus, der Maestro wurde immer wieder auf die Bühne zurück applaudiert. Chailly genoss sichtlich die Oviationen und wie ihm sein „Heimpublikum“ huldigte und so gewährte er dann doch noch eine Zugabe.

Für diese wählte er die Ouvertüre des „Wilhelm Tell“ von Gioachino Rossini, wie mir schien, um mit diesem Gassenhauer doch noch eine stehende Ovation zu provozieren in etwa so, wie zum Abschluss des Neujahrskonzerte im Saal des Wiener Musikvereins Am Ende der „Radetzky Marsch“ dazu gehört. Dies löste durchaus geteilte Reaktionen aus. Während die einen dies wohl als Hommage an die Innerschweiz empfanden, wenn Chailly mit dem lombardischen Orchester unseren Nationalhelden musikalisch hochleben liess, waren etliche der Meinung, etwas russisches, oder zumindest slawisches, wäre passender gewesen zum Abschluss. Ein grosser kräftiger Schlussapplaus war den Protagonisten, im praktisch vollbesetzten Saal dennoch sicher, wenn es auch nicht ganz für eine „Standing Ovation“ reichte. LeonardWuest
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