Lucerne Festival Strings, 3. Saisonkonzert Konzert Reihe Luzern KKL Konzertsaal, Bernard Haitink, Leitung, 23. Mai 2018, besucht von Léonard Wüst

    Konzerte mit Altmeister Bernard Haitink, der am 20. August 2016 beim Lucerne Festival sein 50. Luzerner Bühnenjubiläum feiern durfte, sind immer ein ganz spezieller Genuss. Der Ehrendirigent des Königlichen Concertgebouw Orchesters Amsterdam und langjährige Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra (1967 – 1979) ist in Luzern alles andere, als ein Unbekannter, leitete er doch u.a. auch das Eröffnungskonzert am Lucerne Festival im Sommer 2015 mit dem Lucerne Festival Orchestra.

1. Konzertteil mit Robert Schumann und Joseph Haydn

Auftakt ins Konzert mit Manfred op. 115, Ouvertüre von Robert Schumann zu Lord Byrons gleichnamigem Schauspiel. Etwas „ganz Neues und Unerhörtes“ werde das Publikum geboten bekommen, schrieb Robert Schumann Ende 1851 an Franz Liszt und bezog sich auf die Uraufführung seines „Dramatischen Gedichts“ Manfred.
Das Orchester, diesmal, ergänzt durch Musiker der Staatskapelle Dresden und dem Gewandhausorchester Leipzig, für einmal in grösserer Besetzung, hatte sich auf der Bühne eingerichtet, unter Anleitung von Konzertmeister Daniel Dodds die Instrumente justiert. Dann betrat, unter grossem Applaus des zahlreich anwesenden Publikums, der 89jährige Bernard Haitink die Szene und übernahm unverzüglich das Kommando.
Schumanns «Manfred» op. 115, Ouvertüre zu Lord Byrons gleichnamigen Schauspiel
Nach dem wuchtigen Auftakt, den filigranen Klängen der Holzbläser, ergänzt von den behutsamen Streichern, führte der Maestro im Kammermusik Stil durch die Partitur, lässt den ausgezeichneten Solostimmen ausreichend Raum zu deren Entfaltung, führt diese immer wieder sensibel, gar zärtlich, ins Ganze zurück. Die „Strings“ fühlen sich sichtlich wohl und geniessen scheinbar genauso wie die Zuhörer. Aus einem Guss, in der gleichen musikalischen Sprache, als hätten sie schon immer zusammen musiziert, zelebrierten Orchester und Leiter diesen „Manfred“, sehr gefühlsbetont, aber nie larmoyant, energisch, aber keinesfalls wuchtig, sondern ausgewogen, mit fein herausgearbeiteten Nuancen, immer spannend und teilweise gar überraschend

Joseph Haydns „Französische Sinfonie“

Bei der Sinfonie Nr. 86, eine der sogenannten „Pariser Sinfonien“ handelt es sich um ein Auftragswerk für das Pariser „Le Concert de la Loge Olympique“. Nach einem einfachen Dreiklangs Motiv im sanften Piano entwickelt sich ein ab Takt 2 angedeutetes Auftaktmotiv. Für den gesamten Satz ist die hämmernde Wiederholung von Achtel - Staccato charakteristisch, wodurch sich eine energisch vorwärts treibende Kraft entwickelt. Eine Energie, die Haitink mitnimmt, da des Öftern gewisse Motive resolut wiederholt werden. das darauf folgende Motiv geht über in Synkopen und eine Bassbewegung aus Vierteln und halben Noten. Die den ersten Satz abschliessenden Reprise, beginnt wie die Exposition, allerdings mit Einwürfen von Fagott und Oboe bei Motiv 1. Beim zweiten Auftritt von Motiv 1 ist neben dem Fagott auch die Flöte mit einer Floskel beteiligt. Ansonsten ist die Reprise weitgehend ähnlich der Exposition strukturiert. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt. Haitink leitet mit ruhigen, weitausholenden Gesten und strahlt eine absolute Souveränität und Ruhe aus, was sich auch auf seine Mitmusiker überträgt.
Durch die Beschränkung auf die Grundharmonien (G-Dur – D-Dur Septakkord – G-Dur) macht der zweite Satz einen wenig melodiösen, eher nachdenklichen Eindruck und endet schlussendlich mit dem Beginn vom Hauptmotiv (aufsteigender Dreiklang in G-Dur) und einem Akkord auf G.
Das relativ lange und umfangreiche Menuett der dritte Satz, schließt mit seinem kräftig-pompösen Charakter an den ersten Satz an. Der erste Teil ist aus drei viertaktigen Abschnitten aufgebaut. Es entspricht eher einer Miniatur-Sonatenform, als dem seinerzeit üblichen Tanzmenuett.
Waren die vorherigen Sätze alle im 3/4, wechselt der Komponist beim vierten, dem Allegro con spirito, zum 4/4 Takt. Ein zweitaktiges Motiv prägt den Satz, zuerst mit einer fünffachen Tonwiederholung, dann mit einer fallenden Figur. Bei Takt 138 wechselt Haydn überraschenderweise abrupt nach B-Dur, das über eine Kadenz mit ganzen Noten von d-Moll zurück zur Tonika D-Dur führt. Die Schlussgruppe ist ähnlich wie in der Exposition, aber um eine Coda mit Orgelpunkt auf D verlängert. Die Durchführung ist somit recht knapp gehalten, die Reprise dafür durchführungsartig erweitert. Durchführung und Reprise werden wiederholt. Haitink verdichtet, im kongenialen Konsens mit dem Orchester, bleibt aber immer klar und präzis, variiert auch perfekt in den Lautstärken.

2. Konzertteil mit Johannes Brahms Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98

Der erste Satz folgt dem konventionellen Schema der Sonatensatzform, ist geprägt von einer Folge absteigender Terzen die im Verlauf der gesamten Sinfonie mehrfach variiert werden.
Das Intro der Hörner zu Beginn des zweiten Satzes gemahnt mich immer an das „Munotsglöckchen“, ein Motiv, das vom gesamten Ensemble in diversen Variationen übernommen und schlussendlich im Finale von den Bässen akzentuiert wird, bevor die Streicher das Ganze weich ausfliessen lassen, das von der Querflöte noch veredelt wird.
Sehr resolut der dritte Satz, Allegro giocoso. Abrupt geht es in einer trubelartigen C-Dur-Stimmung weiter, ebenso in einer, für Brahms, eher ungewöhnlichen Instrumentierung, mit zusätzlicher Piccoloflöte, Triangel sowie C-Klarinetten. Gegen Ende des Satzes klingt das Hauptthema des Finalsatzes an, bevor der lärmende Trubel sein Ende findet.

Der finale Satz startet mit schönen Hornklängen, unterstützt vom Paukisten, der von den Trompeten unterstützt wird, bevor das ganze Orchester wieder zu einer Einheit findet.
Zum Ende duellieren sich die Streicher mit der Pauke, bevor sich die Querflöte und peu a peu die andern Bläser dazugesellen, über alles erheben sich die Blechbläser, die ihrerseits von den Streichern wieder etwas zurückgebunden werden, bevor sich alle zum furiosen Ausklang wieder vereinen.

Bernard Haitink scheint noch immer topfit zu sein, setzte er sich doch erst gegen Ende des Konzertes kurz auf den Schemel, ohne aber weniger engagiert zu leiten.

Das Auditorium feiert die Musiker und den Dirigenten mit einer lang anhaltenden nicht enden wollenden Stehenden Ovation, eine Zugabe gibt’s dann aber nicht mehr. Das war zu verschmerzen, hatte man doch zuvor einen zweistündigen Ohrenschmaus geniessen dürfen.Text: www.leonardwuest.ch Fotos http://www.festivalstringslucerne.org/de/home

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LéonardWüst
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