Luzerner Sinfonieorchester, Die sieben Todsünden, KKL Luzern, Konzertsaal, 13. Februar 2019, besucht von Léonard Wüst

  Am 6. November 2015 brachte Nicola Benedetti das eigens für sie komponierte Violinkonzert des Jazz-Trompeters Wynton Marsalis zusammen mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von James Gaffigan im Londoner Barbican Center zur Uraufführung. Eine Komposition, des aktuell populärsten Jazztrompeters, für ein klassisches Orchester, eine Programmation, die natürlich Aufsehen erregt und sehr neugierig macht.

Gershwins «Cuban Overture» als Verbeugung vor der kubanischen Musikkultur zum Auftakt

War die „Rhapsody in Blue“, komponiert ca. ein Jahrzehnt zuvor noch ein klar nordamerikanisches Werk, vereint die „Cuban Ouverture“ bereits diverse amerikanische, sowie karibische Musikelemente, inklusive die vielen dafür typischen Schlaginstrumente der Rhythmussektion, wie das Tipani, Guiro, Maracas, Batá- und Yuka-Trommeln. Diese prägen auch heute noch die mitreissenden Rhythmen aus dieser Weltgegend. Dirigent James Gaffigan wusste den Steilpass von Gershwin zu nutzen und verwandelte, zusammen mit seinem Orchester, das Werk in eine wahre Fiesta, voller ansteckender Lebensfreude, die aber trotzdem immer ein Hauch Melancholie beinhaltete. Der optimale Auftakt in ein Konzert, das so ganz und gar nicht wie ein normales Sinfoniekonzert sein sollte. Stürmischer Applaus des Auditoriums war der verdiente Lohn für die Protagonisten.

Konzert für Violine und Orchester in D von Wynton Marsalis

In ihrer ersten Kadenz ließ die 32 jährige Schottin Nicola Benedetti eine Mischung aus wildem Sägen und zarten, hoch liegenden Melodiefäden zerreißen: Die ganze Komposition ist technisch sehr anspruchsvoll. Im zweiten Satz ertönte ihr Instrument Quietschen und Zwitschern über einem Wah-Wah-Bass, und es endete in einem schottischen Volkslied mit doppelter Violine. Der dritte Satz, eine Feier des Blues, fühlte sich als Herzstück der Arbeit an. Hier war Benedettis Spiel überzeugend idiomatisch, wenn es auch zeitweise einen Balkan-Anflug bekam; Obwohl Improvisation nicht auf der Speisekarte stand, fühlte sich dies improvisiert an.
Der Amazone wilder Ritt durch de Partitur
Benedettis funkelnde Performance packte das Publikum ebenso wie ihre Mitmusiker, brachte Dirigent James Gaffigan gar ab und zu zum Hüpfen auf seinem kleinen Dirigentenpodium. Die junge Solistin interpretierte das Werk als eine Liebesbeziehung zwischen ihr selbst und den Noten. Sie überragte die ungemein anspruchsvollen technischen Anforderungen mit einer strahlend hohen Lyrik, mal mit berührender Intimität, dann wieder mittels wütend rhythmischer Energie.
All dies zelebriert auf dem perfekten Notenteppich, den das gut aufgelegte Orchester ihr ausbreitete. Trotz des eher generell konservativen Stils ist es ein sehr ehrgeiziges Werk, dessen schiere Länge zum absoluten Genuss wurde, so perfekt dargereicht von Nicola Benedetti und dem Luzerner Sinfonieorchester an diesem Abend, dass eine Steigerung nur schwer vorstellbar ist. Dieser Meinung war auch das gutgelaunte Auditorium, was sich in einer wahren Applauskaskade äusserte.

2. Konzertteil mit „Die sieben Todsünden“ von Kurt Weill

Das am 7. Juni 1933 am Théâtre des Champs-Élysées in Paris uraufgeführte Werk ist für den Zuhörer eine intellektuelle Herausforderung, verlangt höchste Konzentration. Die für den Gesang ( eher Sprechgesang) engagierte Delia Mayer, den meisten als Kommissarin Liz Ritschard aus dem Luzerner Tatort bekannt, platzierte sich, in eine rote Abendrobe gehüllt, etwas seitlich versetzt beim Dirigenten vor dem Orchester. Die Singphoniker, den Part der Familie singend, erschienen jeweils auf der Galerie unterhalb der grossen Orgel des gut besetzten Konzertsaales, wenn sie an der Reihe waren.

Delia Mayer als die doppelte Anna

Je nachdem, welche der zwei Schwesternrollen sie deklarierte, die selbstbewusste, oder die eher zurückhaltende, zerbrechliche Anna, posierte die Sängerin mal lasziv, die Robe bis an die Oberschenkel hochziehend, oder zierlich verstört auf dem Tisch liegend, der mit einem unschuldig weissen Tischtuch abgedeckt war, und, nebst einem Stuhl, als einziges zusätzliche Requisite auf der Bühne stand. Die Mimin setzte ihr ganzes schauspielerisches Können in die Rollen um, wirkte bei der starken Anna selbstbewusst in Mimik und Gestik, verstand es aber auch, die gegensätzliche Schwester verstört, gar ratlos erscheinen zu lassen. Die 7 Todsünden waren so unmittelbar greifbar, ersichtlich durch die starke Darstellung und erhörbar durch die kongenial strukturierte musikalische Darbietung der klassizistischen, damals typisch deutschen Komposition von Kurt Weill durch das Orchester unter dem souveränen Dirigat des wirbligen James Gaffigan.

Das Publikum bedankte sich bei den Protagonisten mit langanhaltendem kräftigem Schlussapplaus. Die Umsetzung des Werkes von Kurt Weill liess entliess die meisten mit einer gewissen Nachdenklichkeit wieder ins normale Leben.
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