Luzerner Sinfonieorchester, Feuervogel, KKL Luzern, 19. April 2018, besucht von Léonard Wüst

  Fünf namhafte russische Komponisten winkten ab, als Sergej Diagilew, Impresario der Ballets Russes, sie um eine Ballettmusik zum «Feuervogel» bat. Also blieb nur noch der junge, relativ unerfahrene Igor Strawinsky – und dieser schuf mit dem «Feuervogel» sein erstes Meisterwerk. Die ungemein klangfarbenintensive Partitur verrät auch eindeutig, bei wem Strawinsky das Instrumentieren gelernt hatte: bei Nikolai Rimski-Korsakow. Als dieser 1908 starb, komponierte Strawinsky seinem verehrten Lehrer zum Gedenken eine Trauermusik – sein erstes vollgültiges Werk, das aber nach der Uraufführung verloren ging und erst 2015 in der Bibliothek des St. Petersburger Konservatoriums wieder auftauchte. Was für eine Sensation! Nun war diese Trauermusik erstmals mit dem Luzerner Sinfonieorchester zu hören.
Die dunkle Intonation des alles unterlegenden Bassmotivs prägen diese 12 minütige Werk. Dazu die kurzen Soli einzelner Instrumente, damit, so Strawinskys Intention, jedes einzelne von Ihnen seine eigene Melodie dem verehrten Meister mit ins Grab legt.

„glut“ Bombastische Komposition von Dieter Ammann

Dieter Ammann komponiert wenig und in gemächlichem Tempo, daher gibt es bis heute erst einundzwanzig Stücke. Dass er dabei instrumental gern aus den Vollen schöpft, ist inzwischen hinlänglich bekannt. So standen denn u.a. auch gleich acht Schlagwerker auf der Bühne um die monströse Komposition zu interpretieren. Deutlich schimmert immer wieder die Vergangenheit Ammanns als „Jazzer“ durch, ebenso Anlehnungen an die neue, von Gershwin und Bernstein angestossene amerikanische Musik. Zwischendurch auch mal eine Reminiszenz an die ganz Grossen seiner Zunft, wie z. B. Ravel, um unvermittelt wieder auf diesen ganz neuen Weg einzubiegen, den auch viele seiner Weggefährten, wie Wolfgang Riehm, Matthias Pintscher usw. eingeschlagen haben und der von Pierre Boulez mit seiner „Lucerne Festival Academy“ massgeblich vorbereitet und aufgezeigt wurde. Mit dem, im zweiten Konzertteil programmierten «Feuervogel», korrespondiert auch Dieter Ammanns «glut» – nach des Komponisten eigenen Worten «eine Welt, deren innere Glut, zu Klang geformt, nach aussen drängt»; eine klangfarblich höchst vielfältige Musik, die «von einer ausserordentlichen Dichte der Ereignisse geprägt» ist. Ja, hochkomplex, kompliziert, irgendwie unvorherseh – und undurchschaubar sind die Klangwerke des 1962 in Aarau geborenen Schweizer Komponisten. Widersprüchlich auch sein Werdegang: Nach Studium von Schulmusik und Jazz wandte er sich der Musiktheorie und Komposition zu, performte parallel dazu in diversen Formationen, an diversen Instrumenten, u.a. in „Steven`s Nude Club“, der Ska – Punkformation des unvergesslichen, viel zu früh verstorbenen Luzerners Thomas Hösli (1965 – 2007). Das Orchester, unter der souveränen Leitung von James Gaffigan, intonierte sichtlich inspiriert, angetan vom Werk Ammanns, der auch die Proben begleitet hatte. Das sachkundige Publikum, vorwiegend Abonnementsinhaber honorierte die Leistung der Protagonisten denn auch mit langanhaltendem, kräftigen Applaus, der sich noch steigerte, als dann auch noch der Komponist höchstpersönlich die Bühne betrat, sich mit entsprechenden Gesten bei den Musikern bedankend.

2. Konzertteil mit Honegger und dem „Feuervogel“ von Igor Strawinsky

Unterschiedlicher geht nicht. Zuerst die besinnliche, nicht unbedingt nach Honegger klingende, schlank instrumentierte Trouvaille „Pastorale d`été“, die er während eines Sommer -Aufenthaltes 1920 in Wengen im Berner Oberland komponiert hat und das die Idylle dieser Gegend reflektiert. Entsprechend schlicht zurückhaltend die Interpretation durch das Residenzorchester des KKL, wie sich der Luzerner Klangkörper seit letztem Jahr nennt.

Dem „Feuervogel“ ging etwas das Feuer ab

Dann der an und für sich temperamentvolle „Feuervogel“, den aber Gaffigan etwas zu dezent anging, das feurige des Vogels zu wenig transponierte, ausser bei der Inangriffnahme, dem ersten Paukenschlag, des vierten Satzes, “Höllentanz des Zauberers Kaschtschej“. Eigenartig, dass der Dirigent dann nicht weiter befeuerte, sondern eher unterkühlt fortfuhr und erst beim Einschwenken ins furiose Finale aufzeigte, was möglich gewesen wäre. Das Auditorium blieb etwas ratlos zurück, spendete eher höflichen, denn begeisterten Beifall.
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LéonardWüst
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