Luzerner Theater, Die schwarze Spinne, Ein Grusical nach Jeremias Gotthelf, Premiere 29. September 2017, besucht von Léonard Wüst

  Anlässlich der Einführung erläuterte Dramaturg Hannes Oppermann, dass man sich u.a. durch den Kult Horrorfilm „Sleepy Hollow“ des Regisseurs Tim Burton und die Spielweise und Mimik von Buster Keaton inspirieren liess. Gotthelf habe ja durchaus die „Schwarze Spinne“ im Stil eines Howard Phillips Lovecraft oder Edgar Allan Poe (1809 – 1849) verfasst. Lovecraft (1890 – 1937), der amerikanische Schriftsteller, gilt bis heute als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.

Rezension:

Klassiker umzuschreiben kommt selten gut, ausser man postuliert das Ganze als Parodie und inszeniert es dementsprechend. Im Stückbeschrieb tönt es gut, sogar sehr gut, dass man die Parabel auch in die heutige Zeit umdeuten könne. Ist es das Fremde, das uns das Unglück bringt? (Bei Gotthelf in den Personen der Christine, die aus dem fernen Lindau am Bodensee ins Emmental kam und des herrschenden, nicht einheimischen Lehnherrn Ritter von Stoffel). Oder ist es bloss die Angst vor dem Fremden unbekannten, die Argwohn und Unbehagen auslöst und die Einheimischen verstört? Man kann es wenden und drehen wie man will, im gedanklichen Hintergrund lauert immer die Spinne, die einem, auch wenn man nicht unter einer ausgeprägten Arachnophobie leidet, als etwas Unheimliches und Gefährliches präsent ist. Entweder man bleibt bei Gotthelf und inszeniert dramatisch, oder man parodiert und macht einen Horrorklamauk daraus. Am Luzerner Theater macht man weder das eine, noch das andere, sondern versucht einen Mittelweg einzuschlagen, wie sich erweisen wird, ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Teufel, alias der Grüne, rettet alles

„The Castle is ready, the Castle is nice, aber es isch z'heiss“ lautet die Begründung von Schlossherr von Stoffel (Thomas Douglas), weshalb die Dorfbewohner 100 Schatten spendende Buchen auf den Schlosshügel bringen sollen.
Rettet der Teufel in Gotthelfs Parabel die Dorfgemeinschaft vor den unmöglichen Forderungen und den drohenden Repressalien ihres Lehnherrn, des Ritters von Stoffel, ist es bei dieser Adaption und Umsetzung als „Grusical“ das ganze Stück, ja der Theaterabend, der durch die Verkörperung von Lukas Darnstädt in der Rolle des fiesen, hinterlistigen, und trotzdem auf teuflische Art charmanten Jägers (des Grünen) zu verdanken, dass das Ganze nicht in einem Desaster endet. Wenn schon als „Grusical“ deklariert, sollte es mich auch gruseln, oder, wenn als Parodie angedacht, sollte es so karikieren, dass ich zumindest schmunzeln, gar lachen kann. Leider bewirkt es weder das eine, noch das andere. Die Rezitate, die den Schauspielern in den Mund gelegt werden, mal auf Englisch, hochdeutsch oder im Dialekt zu platt, vorhersehbar, ohne Wortwitz. Es ist sicher nicht einfach, einen hochdramatischen Stoff wie die „Schwarze Spinne“ umzufunktionalisieren, deshalb sollte man das besser sein lassen. Wie wärs nächstesmal mit einem von Grund auf selbstverfassten Ur - Emmentaler Spiderman (angewandter Geschlechterrollentausch), statt Gotthelfs Spinne abzuschlachten?
Zur Musik: Die Formation: Keyboard (Kenneth Niggli), Schlagzeug (Hannes Junker), Kontrabass (Madlaina Küng) und Hackbrett (Nayan Stalder). Die Kompositionen von Knut Jensen erinnern mal an Andrew Lloyd Webber Melodien, mal hat man den Eindruck, dass der Landamme tanzt.

Keine Profilierungsmöglichkeiten für die Schauspielerinnen

An den Schauspielern liegt es nicht, zu wenige Gelegenheiten, um wirklich zu agieren und rezitieren. Nebst dem Teufel noch etwas in Erscheinung traten Verena Lercher als unangepasste, selbstbewusste Emanze Christine, Christian Baus als Bibelverse zitierender, Respekt einfordernder Pfarrer und der mal rüpelhafte, mal weinerliche Thomas Douglas als Burgherr von Stoffel mit seiner kläffenden Schar von Wachhunden, dazu das gesamte Ensemble bei einer kurzen Sequenz in angedeuteter Zeitlupe mit brillantem Lichtdesign, das für kurze Zeit Hoffnung aufkeimen liess, dass doch noch etwas Spannendes passieren würde.
Entsprechend verhalten denn auch der Schlussapplaus eines Publikums, das schon während der ganzen Vorstellung unruhig und verstört wirkte.

Fazit des Experimentes:


Für ein „Grusical“ zu wenig gruusig, kein Gänsehautfeeling, für ein „Musical“ zu wenig spritzig, fast kein Gesang und ohne Tanz. Der einzige Gewinner der Inszenierung ist Lukas Darnstädt, der sich schon fast in Klaus Maria Braundauer Manier sensationell als Emmentaler „Mephisto“ profilieren konnte.LeonardWuest
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