Luzerner Theater, Faust-Szenen von Robert Schumann. Ein installatives Oratorium zwischen Bühne und Kirche, Premiere, 24. März 2018, besucht von Noémie Felber

  Ein gespenstisch geschminkter Kinderchor, eine Braut mit meterlanger Schleppe, Fausts Schuldregister, das vom Luzerner Theater hängt: Momentaufnahmen, die den Besuchern der Faust-Szenen noch lange in Erinnerung bleiben werden. Doch nicht nur diese einzelnen Bilder, das gesamte Konzept der Inszenierung unter Benedikt von Peter ist so aussergewöhnlich, dass es sich ins Gedächtnis einbrennt. Und zwar zu Recht, schliesslich wird nicht alle Tage ein Oratorium theatralisch dargestellt.

Altbekannt und doch neu

Wie schon zahlreiche Komponisten vor ihm bediente sich Robert Schumann am Stoff von Goethes «Faust». Anders als seine Kollegen behandelt er allerdings nicht nur den ersten Teil, sondern auch die Fortsetzung «Faust II». Der Kompositionsprozess war langwierig und dauerte fast zehn Jahre. Die Uraufführung aller drei Teile und der Ouvertüre erfolgte 1862, sechs Jahre nach dem Tod des Komponisten. Der schwer depressive Schumann begann das Werk für Solostimmen, Chor und Orchester mit dem Ziel, eine Oper zu schaffen, näherte sich aber immer mehr einem Oratorium an. Schlussendlich entstand ein Werk, das zwischen den beiden musikalischen Formen steht, zwischen Licht und Schatten, zwischen Himmel und Hölle.

Zwischen den Welten

Den Anfang macht eine Versammlung auf dem Platz vor der Jesuitenkirche. Der Luzerner Mädchenchor und die Luzerner Sängerknaben präsentieren Schumanns Choral «Wenn mein Stündlein vorhanden ist». Komponiert wurde dieser in Endenich in einer Anstalt für psychisch Erkrankte, wo der Komponist seine letzten beiden Lebensjahre verbracht hat. Aus der Jesuitenkirche ertönt nach Abschluss des Chorals das Luzerner Sinfonieorchester mit der Ouvertüre der Faust-Szenen und gemeinsam mit Gretchen im Brautkleid begibt sich das Publikum ins Theater.
Die Zuschauenden finden sich in Fausts Erinnerungen wieder. Die Bühne ist komplett schwarz gehalten, bis auf einige eindrückliche Projektionen und die Darstellung des Sonnenaufgangs wird Licht nur sehr sparsam eingesetzt. Faust erinnert sich an Gretchen, ihre gemeinsame Zeit, seinen Verrat, ihre Hinrichtung. Er ist verzweifelt, heimgesucht von albtraumhaften Visionen und der Erscheinung Mephistos.
Nach 45 Minuten geht es wieder nach draussen, auf den Platz vor der «Box», von welcher herab ein mit Megaphon bestückter Faust eine Rede an die Menschheit hält. Vom gegenüberliegenden Theater aus antwortet ihm Mephisto und die beiden Protagonisten liefern sich ein gesangliches Duell.
Nach Fausts Tod beginnt die letzte Station in der Jesuitenkirche: die Himmelfahrt. Folgt auf Fausts ständigen Wechsel zwischen Schuldgefühl und Vergessen endlich die Erlösung durch einen Engel in Gestalt von Gretchen? Oder ist dies nur ein Trick seines ständigen Begleiters Mephisto?

Patchwork Truppe

Die Inszenierung des Luzerner Theater fordert ein ausgefeiltes Zusammenspiel der Beteiligten. Unter der Leitung von Clemens Heil spielt das Luzerner Sinfonieorchester live in der Jesuitenkirche und wird akustisch an die anderen Spielorte übertragen. Der Chor des Luzerner Theaters wird sowohl von einem Extrachor als auch den Kinderchören und Mitgliedern des 21st Century Chorus’ unterstützt. Solistisch sind nicht nur festangestellte Ensemblemitglieder des Luzerner Theaters zu hören: Die Rolle des Fausts übernimmt Sebastian Geyer, der normalerweise an der Oper Frankfurt spielt. Doch egal woher die verschiedenen Musizierenden kommen, ihre Leistungen waren auf hohem Niveau und begeisterten.
Ohne Zweifel, die Faust-Szenen sind in dieser Inszenierung eine einmalige Angelegenheit. So sah es auch das Publikum, welches von der Aufführung begeistert war. Der Schlussapplaus der Premiere mit einer Standing Ovation ist wohl Beweis genug.

NoémieFelber
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