Luzerner Theater, Manon Eine lyrische Tragödie von Jules Massenet, Première am 12. Novembr 2017, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

  Manon ist eine Figur aus Abbé Prévosts Feder. «L'histoire du chevalier des Grieux et de Manon Lescaut» hiess der Roman, den der französische Komponist Jules Massenet vertonte. Das Stück, erstmals 1884 in Paris aufgeführt, wurde zum Standardwerk der französischen Oper und erfreut sich vor allem im französischen Sprachraum grosser Beliebtheit.
Schon mal vorneweg: Die Luzerner Manon von Jules Massenet ist ein musikalischer und visueller Hochgenuss. Zusammengeschnitten auf zwei Stunden mag da die Geschichte ein bisschen gar rasant vorangehen, musikalisch gesehen jedoch werden dem Publikum die Highlights der Oper auf höchstem Niveau präsentiert. Dies Dank einem wunderbaren LSO (Leitung von Yoel Gamzou) welches die emotionale, teils schon fast kitschige Musik Massenets mit der nötigen französischen Leichtigkeit interpretiert aber natürlich vor allem Dank der hochkarätigen Sängerinnen und Sänger und nicht zuletzt auch des reduzierten aber raffinierten Bühnenbildes.

Aber von vorne: Manon, 16-jährig, etwas zwischen Femme Fatale und Kindsfrau, kokett, genusssüchtig, lasziv und gleichzeitig träumerisch, wird von ihren Eltern ins Kloster geschickt. Aber bereits in Amiens, wo ihr Cousin Lescaut sie abholen soll, nimmt die Geschichte eine andere Wendung. Die junge Frau verliebt sich Hals über Kopf in den Chevalier des Grieux und flieht mit ihm nach Paris, wo die Geschichte noch einmal eine andere Wendung nimmt. Manon verfällt Monsieur de Brétigny, der ihr ein Leben in Luxus bieten kann. Trotzdem kehrt sie später zu des Grieux zurück. Die beiden können weder miteinander noch ohne einander. In seinen Armen stirbt sie schlussendlich.

Faszinierende Bilder

Regisseur Marco Štorman versteht die Luzerner Manon als Kammerspiel, weg von der Revue, hin zu einer klaren, reduzierten Aussage mit Fokus auf dem Liebespaar Manon/des Grieux. Die Bühne ist praktisch leer, der Boden schwarz glänzend, ein Tisch ein paar Stühle und ein Lichtobjekt, das raffiniert eingesetzt mal einen Stern, dann ein Glücksrad, dann ein Kreuz darstellt. Das grelle Licht dieses Objektes stellt die durchwegs schwarz gekleideten Sängerinnen und Sänger meist in den Schatten, der Fokus liegt nur auf Manon in ihrem leuchtend gelben Kleid oder auf dem Paar Manon/des Grieux. Ab und zu holt Štorman die Figuren aus dem Schatten und kreiert kunstvolle, perfekt arrangierte Gruppenbilder, die an riesige Schwarz-Weiss Fotografien erinnern. Das Bühnenbild ändert kaum, die Intimität der Pariser Wohnung wird angedeutet dadurch, dass sich Manon und des Grieux barfuss bewegen, ein paar Kissen symbolisieren das Bett. Erst ganz am Schluss, wenn sich alles auflöst, wenn sich die wahren Charakteren der verschiedenen Darsteller zeigen, erlöscht das Lichtobjekt, die Bühne wird sichtbar, grau in grau, die Figuren plötzlich ohne Glanz und Glamour. Die letzte Arie singen Manon und des Grieux am Bühnenrand, während hinter ihnen ein leicht durchsichtiger Vorhang fällt. Manon stirbt nicht in dieser Inszenierung, sie verschwindet im mittlerweile schwach erleuchteten Zuschauerraum.

Begeisternde Nicole Chevalier

Nicole Chevalier singt Manon an der Premiere, ihre gewaltige Stimme kennt man aus der Traviata, sie beherrscht und moduliert sie zur Perfektion und bis in die höchsten Lagen. Ihre Bühnenpräsenz und Spiellust sind riesig. Sie imitiert perfekt die Mimik und Gestik eines jungen Mädchens, provoziert, tanzt ausgelassen und unstandesgemäss, verführt und wird verführt. Ihre wunderbare Stimme hat aber sehr viel Reife für ein 16-jähriges Mädchen und man kommt nicht umhin sich zu wünschen, auch Magdalena Risberg als bestimmt ganz andere Manon-Interpretin zu erleben. Ein kluger Schachzug…? Diego Silva als des Grieux ist stimmlich ein adäquater Chevalier, etwas verschämt, etwas verloren neben dieser leuchtenden Manon, Jason Cox als Brétigny hat etwas Verschlagenes, fast Teuflisches, und umwerfend und sichtlich in seiner Rolle aufgehend Bernt Ola Volungholen als Manons Cousin Lescaut, schleimig, spöttisch, von sich selber eingenommen.
Eine sehr konzentrierte Manon, nie langweilig und mit Fokus auf die Stimmen und die herrlichen Arien Massenets.

GabrielaBucher
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