Luzerner Theater, Tanz 26: Hinter Türen, Première 25. November 2017, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

  «Tanz 26 – Hinter Türen», das Handlungsballett, welches letzten Samstag Premiere feierte, lässt sich in keine Schublade stecken. Es ist eine zu Live-Musik getanzt interpretierte Lesung, oder ein gesprochenes Ballett mit Musik, etwas bunt Zusammengeschmischtes, witzig, ironisch, mit ab und zu kritischen Untertönen, unterhaltsam, erheiternd, kurzweilig.

Der norwegische Choreograph, Tänzer, Regisseur und Autor Strømgren, hat mit dem Luzerner Ensemble und dem Cellisten Gerhard Pawlica (Solocellist des 21st Century Symphony Orchestra) fünf nicht zusammenhängende Geschichten über Luzerns Keller erarbeitet. Ausgangslage war die Idylle Luzerns, die ihm suspekt schien. Irgendetwas musste doch da versteckt sein und er ist fündig geworden in Luzerns Kellern. Dabei hat er auch entdeckt, dass Luzern die Welthauptstadt des zeitgenössischen Tanzes ist. Das behauptet er mindestens, und er sei ein guter Behaupter, behauptet er.

Herr und Frau Lustenbergers Lüste

Die Kellergeschichten werden durch eine Off-Stimme erzählt, von Pawlica am Cello begleitet und vom Luzerner Tanzensemble erzählend getanzt. Das ist teilweise unglaublich amüsant, ab und zu ironisch und behauptend schräg. Da sind Herr und Frau Lustenberger, er Finanzberater im Anzug, sie Ladeninhaberin eines Shops mit unnützen Dingen, in Rock, Bluse und Strickjäckchen. Sie leisten sich den Luxus einer Tanzperformance in ihrem Keller mit eine Gruppe Lustenbergers, gekleidet wie sie beide. Diese interpretieren ihr Leben, decken Missverständnisse auf, geheime Wünsche und Sehnsüchte, da wird lasziv getanzt, durch Kellerfenster voyeuristisch zugeschaut, geflirtet und gestritten.
Herr und Frau Federball sind Sportlehrer und in rotweissen Tennis-Outfits. Sie hängen alten Zeiten nach und sind regelrecht abhängig von ihrer wöchentlichen Dosis zeitgenössischen Tanzes. Frau Federball bewegt sich versunken über die Bühne, in klassischen Figuren anmutig ihre beiden Federbälle schwingend. Gefangen in ihrer Garderobe kümmern sich die beiden um ihre Studenten, die sich in einer Art Boxring lauthals Zweikämpfe liefern.

Im dritten Keller verstecken sich Menschen, die auf der Strasse nicht wirklich ihren Platz haben, auch wenn Luzern doch sehr offen und tolerant sei. Und wenn heute oft sogar nackt getanzt werde, meint Strømgren, sei das doch mit «lahmen Fingern und toten Augen». Dem gegenüber setzt er Frauen im Niqab und betont mit einem Tanz der Hände das Ausdruckstärkste am Menschen, Finger und Augen.
Einige Szenen seien vor der Aufführung zensiert worden, nicht aber jene der Polizisten, die zum Guggisberglied weinen. Und auch nicht jene, wo die schönste aller Künste zelebriert wird: die Neutralität. Tänzerinnen und Tänzer tragen hautfarbene Trikots und haben die Möglichkeit, sich zum ersten Mal wirklich tänzerisch zu entfalten und ihr grosses Können zu zeigen. Denn obwohl die Erklärungen zum Getanzten aufschlussreich und durchaus humorvoll sind, verunmöglichen sie es teilweise, sich auf den Tanz zu konzentrieren und selber Interpretationen zum Geschehen zu erfinden.

Cellist als Mittäter

In allen Kellern spielt Pawlica sein Cello – und auch mal eine Geige als Cello – und ist Teil der Inszenierung. Mal sitzt er schon auf der Bühne, mal kommt er erst und packt sein Instrument aus. Mal tupft ihm eine Tänzerin den Schweiss von der Stirn, mal trägt er ein Schweissband, mal zieht er seine Hosen aus und spielt nur in Unterhosen. Auf Wunsch des Choreografen hat er meist unbekannte Stücke von Duport und Piatti ausgesucht, aber auch Saint-Saëns «Schwan» und Puccinis «Madame Butterfly» kommen zum Zug.

Ballett? Theater? Was auch immer, es wurde viel gelacht an der Premiere. Es lohnt sich also, «Hinter Türen» offen und mit Neugierde anzugehen, dann ist beste Unterhaltung gewiss.

Gabriela Bucher - Liechti
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.