Luzerner Theater,LILIOM Eine Vorstadtlegende von Ferenc Molnár, Première, 12. Januar 2018, besucht von Léonard Wüst

 

«Was haben Sie Gutes auf der Erde getan?» «…»

Das ist die ultimative Frage bei der finalen Abrechnung vor dem jüngsten Gericht, vor dem auch Liliom, mit viel Charisma verkörpert von Jakob Leo Stark, schlussendlich Rechenschaft ablegen muss. Dies nach einem Leben auf der sprichwörtlichen Achterbahn, hatte er doch sein Auskommen als Animateur, beim, Frau Muskat gehörenden, Ringelspiel auf dem Rummelplatz im Budapester Stadtwäldchen. Dort war er der Star unter den Gauklern, Ausrufer und Schaustellern, angehimmelt von den Mädchen, frivol herausgefordert von den Damen. Als Lebemann und Macho, empfänglich für diesbezügliche, versteckte, auch offene Angebote, nutzte er die Gelegenheiten, missbilligend toleriert von seiner Arbeitgeberin, seiner ebenfalls, wenn auch heimlichen, Verehrerin.

Lilioms neue Beziehung zeitigt ungeahnte Folgen

Als sich aber bei seinem Techtelmechtel mit der aufmüpfigen Julie etwas Ernsteres anzubahnen schien, kam es zum Eklat. Frau Muskat stellte sich offen gegen die, sie demütigende, Beziehung. Dies liess sich aber der, von sich selbst eingenommene, sich für unantastbar haltende Liliom nicht bieten, stellte sich demonstrativ an die Seite von Julie, worauf er die Kündigung erhielt, somit arbeitslos wurde. Doch statt sich um eine neue Stelle zu bemühen, zog er mit seinem Kumpel Ficsur um die Häuser, durch die Strassen und Kneipen um zu saufen und zu spielen. Einer, von Julie vorgeschlagenen, Anstellung als Hauswartpaar, verweigerte er sich ebenso, wie einer möglichen Rückkehr zum Ringelspiel. Frustriert von seinem verpfuschten Dasein, liess er die daraus entstehenden Aggressionen physisch und auch psychisch an der geduldig ertragenden Julie aus. Diese, von ihrer Freundin Marie auf Lilioms Verhalten angesprochen, spielte alles herunter, verharmloste es, liess sich nicht zu Konsequenzen, in Form einer Trennung vom Haustyrannen überzeugen. Auch Warnungen von Hollunder (der dem Paar kostenlos Wohnraum zur Verfügung stellte), prallten an der gebeutelten, naiv verliebten Julie ab. Dramatisch wurde die Situation, als sich Julie Liliom als schwanger outete und sich in diesem so etwas wie Verantwortungsbewusstsein regte. So suchte er, in Verbund mit Kumpel Ficsur, nach einer Möglichkeit, möglichst schnell und ohne grossen Aufwand zu richtig viel Geld zu kommen, genug, um mit Julie und dem erwarteten Kind nach Amerika abzuhauen.

Starkes Spiel der Akteure

Auf der, relativ spartanisch eingerichteten Bühne, entwickelte sich das Geschehen, spitzten sich die Ereignisse dramatisch zu, interpretiert von einem grandiosen Ensemble. Die von Ferenc Molnar (1878 – 1952, eigentlich Ferenc Neumann), verfasste und autobiografisch geprägte Parabel, lässt sich ohne Modernisierung der Charaktere, wie von Regisseurin Nina Mattenklotz demonstriert, eins zu eins auch in die heutige Zeit transponieren, wo jede Art von Gewalt, von unserer, scheinbar teflonbeschichteten Gesellschaft, nicht, oder unbeteiligt zur Kenntnis genommen, an Gleichgültigkeit abprallt oder absorbiert wird.

Etwas zu viele Längen in einigen Szenen

Wenn die Regisseurin jetzt noch einige Längen eliminiert und die Inszenierung etwas strafft, kann das Stück nur gewinnen, ohne Tiefgang zu verlieren. Das ist ohne Qualitätsverlust durchaus möglich. Gut, wusste die grandiose Wiebke Kayser als Julie, die angesprochenen Längen mit ihrem intensiven Spiel, ihren Bewegungen, Gestik und Mimik zu überbrücken, sonst hätte die Inszenierung kippen können.
Lilioms himmlische Begegnung
Grandios dann auch Liliom Jakob Leo Stark, der, nachdem er sich unmittelbar nach einem missglückten Raubüberfall (ausgeführt zusammen mit Fiscur), das Leben genommen hatte, vor dem höchsten Richter verantworten musste. Dies unter der dem, für diese Szene aktualisierten Bühnenbild, mit der Neonüberschrift „Gott ist gerecht“. Es entwickelte sich ein skurriler, manchmal auch ironisch witziger Dialog zwischen Gott und Liliom, der sich auch in dieser Umgebung vorlaut und aufmüpfig präsentierte. Schlussendlich kassierte er u.a. 16 Jahre Fegefeuer als Strafe, was ihn aber, wie sich zeigen sollte, nicht wirklich läuterte. Zudem müsse er sich wieder auf die Erde begeben, um seiner, inzwischen 16 jährigen Tochter, etwas Gutes zu tun. Seine Rückfrage, ob er, Gott, ihm sage, was er tun könne, erhielt er abschlägigen Bescheid. So machte er sich auf, steckte nebenbei noch einen Stern ein, den er seiner Tochter schenken wollte. Angekommen in seinem alten Leben, respektive der mit damit verbundenen Umgebung, trifft er auf seine, auf einem Riitiseili (Schaukelbrett), sitzende, fast schon erwachsene Tochter (Wiebke Kayser) und erkundigt sich u.a. nach deren Vater , also sich selbst. Da sie ihm auf diese und andere Fragen keine ausreichenden Antworten gibt, oder geben kann, fällt er wieder in sein gewohntes Verhaltensmuster zurück und schlägt sie. So schliesst sich der Kreis von häuslicher Gewalt, den offensichtlich, fatalerweise, auch seine Tochter als gegeben empfindet und widerspruchslos hinnimmt, ihn (Liliom) gar noch verteidigt.

Stimmungsvolle Musikbegleitung

Sehr gut auch die musikalische Dauerbegleitung von Luzian Jenny am Akkordeon, der das Geschehen mal mit Musette ähnlichen, von Paris angehauchten, mal mit sizilianisch und/oder sardisch klingenden Melodien untermalte. Da konnte es sich Christian Baus (Ficsur) nicht verkneifen, den Klassiker „Dimmi quando, sag mir wann“ mitzusingen.
Dass Auditorium spendete langanhaltenden Applaus, würdigte besonders die Parforceleistung der beiden Hauptakteure Wiebke Kayser und Jakob Leo Stark.
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LéonardWüst
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