Migros – Kulturprozent – Classics, Mariinsky Orchestra, KKL Luzern, 6. Mai, besucht von Léonard Wüst

  Das Mariinsky Orchestra, Hausorchester des gleichnamigen Theaters in Sankt Petersburg, war schon mehrmals u.a. im Rahmen der Migros – Kulturprozent - Classics in der Schweiz auf Tournee und hat starke Duftnoten gesetzt. Nun, diesmal mit Werken des in Sankt Petersburg verstorbenen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski und mit der 6. Sinfonie, einem Werk, das ebendort am 28. Oktober 1893 uraufgeführt wurde, markierten sie noch mehr Präsenz und überzeugten, unter dem souveränen Dirigat ihres Chefdirigenten Valery Gergiev, auf der ganzen Linie. obwohl es dramaturgisch geschickter gewesen wäre die 1. Sinfonie im zweiten Konzertteil, dafür die 6., die sogenannte „Pathétique“ im ersten Konzertteil zu programmieren. Dies, weil diese nicht in furioses Finale mündet, sondern eher unspektakulär, gar fast unbemerkt endet, ähnlich der "Abschiedssinfonie“ von Joseph Haydn. Valery Gergiev führte meist nur mit Fingerzeichen, Händeschütteln und Kopfbewegungen durch die Partitur. Das Orchester stellte er ungewöhnlich auf, platzierte die Bratschen vis à vis den ersten Violinen. Die Bratschen spielen denn auch eine bedeutendere Rolle in Tschaikowskis 1. Sinfonie als in anderen Werken.

1. Konzertteil 1. Sinfonie von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Die Erste beginnt nicht mit einer langsamen Einleitung, sondern es setzt sogleich die Exposition ein. Soloflöte und Solofagott tragen im Doppeloktavabstand das melancholische Hauptthema über einem Tremolo Hintergrund der Violinen vor. Es wird von Bratschen und tiefen Streichern aufgegriffen und erreicht alsbald einen Höhepunkt. Das darauf folgende Seitenthema der Soloklarinette (D-Dur) ist mit dem Hauptthema motivisch verwandt. Ein drittes strahlendes Thema im Blech schließt die Exposition ab. Die Durchführung beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung des Hauptthemas in mehreren Steigerungswellen. Besonders kunstvoll ist bereits in dieser frühen Sinfonie die Rückleitung zur Reprise über einem Orgelpunkt der Bläser. In seiner 6. Sinfonie wird Tschaikowski ein ähnliches Verfahren anwenden, wenn auch ungleich dramatischer. Die Reprise selbst verläuft regulär. Eine kurze Coda beendet den formal abgerundeten Satz. Dirigent Gergiev konnte das Potential seines sehr grossen Orchesters voll ausschöpfen, hatte Komponist Tschaikowski doch sehr üppig instrumentiert. Er tat dies aber nicht nur in Form von simpler Lautstärke, sondern wusste ausgezeichnet auch weichere, leisere Sequenzen auszutarieren.

Ungewöhnliche Umbesetzung für den 2. Konzertteil

Nach der Pause löste der erste Gastkonzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici (leitet das Stradivari-Ensemble des Mariinsky Theaters) Olga Volkova als Konzertmeister ab. Er spielt eine Geige von Antonio Stradivari, „Rodewald" von 1713 und agierte, rein körperlich gesehen, viel intensiver als Olga Volkova. Diese sichtliche Spielfreude übertrug sich hörbar auch auf das Orchester, welches so wachgerüttelt und zu engagierterer Spielweise animiert wurde.

2. Konzertteil 6. Sinfonie von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Charakteristisch beim letzten Werk von Tschaikowski ist der für Sinfonien ungewöhnliche, langsame Schlusssatz, dessen Ende an ein Requiem erinnert. Der 2. Satz, in Anlehnung an russische Volksmusikweisen im 5/4-Takt Tschaikowski betrachtete die Sinfonie als seine persönlichste und wichtigste Komposition. Die Uraufführung wurde verhalten aufgenommen. Tschaikowski, der 9 Tage nach der Uraufführung, die er in Sankt Petersburg selber dirigiert hatte, im Alter von 53 Jahre überraschend verstarb, erlebte den späteren Siegeszug der Sinfonie nicht mehr. Nach der Coda herrschte ungewöhnlich lange Stille, erst als der Dirigent tief durchatmete und etwas einsackte, begann der langanhaltende starke Schlussapplaus. Dieses Inneharren des Publikums ist eben der Tatsache geschuldet, dass die 6. Sinfonie nicht so spektakulär endet, wie man das sonst bei Sinfonien gewohnt ist.Fotos: http://www.migros-kulturprozent-classics.ch/

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LeonardWüst
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