Migros – Kulturprozent Classics, Russisches Nationalorchester, KKL Luzern 30. November 2017, 1. Konzertteil, besucht von Léonard Wüst

  Die Mitglieder des, im Jahre 1990 durch den Pianisten Michail Pletnjow (dem heutigen Leiter und Dirigenten) und Alexander Bruni gegründeten russischen Nationalorchesters, nahmen ihre Plätze auf der Bühne des sehr gut besetzten Konzertsaales ein, stimmten ihre Instrumente und warteten auf ihren Dirigenten, der kurz darauf, zusammen mit dem Klaviersolisten des Abends, Nikolai Lugansky, erschien.
Dann erklang es: Das Leitmotiv des dritten Klavierkonzertes, das mich immer in eine Rachmaninow Endlosschlaufe versetzt, die durchaus belastend sein kann nachts, wenn Du nicht mehr raus- und keinen Schlaf mehr findest. Wahrscheinlich trägt dazu auch „Shine“(der Weg ans Licht) die 1996, Oscar – preisgekrönte verfilmte Biografie von David Helfgott bei. Nikolai Lugansky ging das Werk, von dem ja verschiedene, von Rachmaninow selber überarbeitete Versionen existieren, erstaunlich zügig an, was mich auf eine Spieldauer um die 42.50 Minuten spekulieren liess, meistens sind es so um die 44. Dirigent Michail Pletnjow nahm dann etwas Tempo weg.

Russische Pianisten spielen das Werk zügiger

Es ist belegt, dass russische Pianisten dieses Konzert in der Regel etwas zügiger spielen, als dies nichtrussische tun. Denis Matsuev, zum Beispiel, spielte das Werk bei einer Aufnahme auch schon mal in 40 Minuten 09 ein. Ein etwas langsameres Tempo ermöglicht es dem Solisten, auch mehr Persönlichkeit einzubringen. die verwirrend schnellen Tonfolgen klarer zu artikulieren. Die Protagonisten fanden auf einem angenehmen Tempo zusammen, bei dem man sich auch als Zuhörer nicht überfordert fühlte, ist es doch, laut Berechnungen, von allen großen Klavierkonzerten, das mit den meisten Noten pro Sekunde im Klavierpart. Schlussendlich ist es ja egal, wie lange der Solist dafür brauchte. So oder so war jede Sekunde ein Hochgenuss.

Hochkonzentrierter Solist, entspannter Dirigent

Es ist sowieso immer etwas ganz Spezielles, wenn russische Musiker unter russischer Leitung Werke russischer Komponisten aufführen. Der Solist meisterte die Höchstschwierigkeiten souverän, wenn auch manchmal mit sehr angespannten Gesichtsmuskeln, teilweise fast Grimassen artig. Das souveräne Orchester, mit minimalen Gesten unaufgeregt von Michail Pletnjow durch die Partitur geführt, steuerte seinen Anteil zum Gesamtkunstwerk bei, Das Publikum würdigte diesen musikalischen Hochgenuss dann auch dementsprechend mit langanhaltendem stürmischen Applaus, den Solisten so ein paarmal zurück auf die Bühne klatschend, bis er doch noch eine Zugabe, in Form des „ Liedes ohne Worte“ von Felix Mendelssohn gewährte.

Allgemeines zu Rachmaninows 3. Klavierkonzert

An Superlativen mangelt es nicht, wenn von Sergei Rachmaninows 3. Klavierkonzert die Rede ist. Ein „Elefantenkonzert“ nannte es Artur Horowitz einmal; ist es doch das Konzert mit den meisten Noten pro Sekunde. Und als 1996 ein Film über die anrührende Geschichte des Pianisten David Helfgott erschien, der an dem Werk schier zerbrach, war das d-Moll-Konzert endgültig zur Legende geworden.

Tatsächlich bildet Rachmaninows op. 30 den Abschluss und Höhepunkt jener Virtuosenkonzerte, die das 19. Jahrhundert in so reichem Mass hervorbrachte. Dass es im Gegensatz zu vielen anderen bis heute seine Frische bewahrt hat, liegt schlicht an seiner kompositorischen Qualität. Denn Virtuosität, mag sie noch so aberwitzig daherkommen, ist bei Rachmaninow stets musikalische Notwendigkeit, sie wurzelt in einfachsten Motiven wie dem berühmten Eingangsthema à la russe, das den Solisten zu immer wilder wuchernden Varianten und Metamorphosen anstachelt.

Auch im elegischen 2. und marschartigen 3. Satz bilden die pianistischen Kraftorgien und verzweifelten Ausbrüche nur die eine Seite des emotionalen Spektrums. Auf der anderen steht das leise in sich Hineinhören, ein Sammeln und Zurücknehmen, das für Rachmaninow ebenso charakteristisch ist wie das Bühnenspektakel. Dabei gelingen ihm immer wieder hinreissende Momente, etwa wenn im 1. Satz mitten im Gewaltakt der Klavierkadenz die Flöte das melancholische Hauptthema über flirrenden Arpeggien des Solisten haucht. Mit op. 30 stellte sich Rachmaninow 1909 in den USA als Komponist und Pianist vor.

Nachtrag zum Tempo beim Klavierkonzert Nr. 3 von Sergej Rachmaninow

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(Könnte eventuell die Erklärung sein: Quelle Wikipedia: Russische Pianisten bevorzugen allerdings i. d. R. die klanggewaltigere Original-Kadenz, die heute als ossia gedruckt wird. Einige Pianisten mischen die Kadenzen; dann wird mit der schnelleren angefangen und einige Takte vor Presto in die originale übergeleitet).
LéonardWüst
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