Migros – Kulturprozent Classics, Russisches Nationalorchester, KKL Luzern 30. November 2017, 2. Konzertteil besucht von Léonard Wüst

  Alexander Skrjabin begann seine kompositorische Tätigkeit wie so viele seiner Zeitgenossen in der Nachfolge Chopins und Liszts, um sich aber bald als bedeutender Neuerer zu erweisen. Seine 2. Sinfonie entstand weitgehend im Sommer 1901 in Moskau während der Semesterferien des Moskauer Konservatoriums, an dem der Komponist seit 1898 eine Klavierprofessur innehatte.

Grundsätzliches zur 2. Sinfonie Skrjabins

Die Sinfonie gelangte in Januar 1902 in Sankt Petersburg zur Uraufführung. Das Publikum reagierte weitgehend mit Unverständnis; selbst der Premierendirigent Ljadow, ein anerkannter Komponist, meinte: „Der Teufel weiss, was das ist!“ Gewöhnungsbedürftig war vor allem, dass er zunehmend vom traditionellen Dur-Moll-System löst, wie dies schon Richard Wagner aufgegleist hatte. Skrjabins häufige Verwendung hoch- und tiefalterierter Akkorde verwischt stellenweise die Gegensätze zwischen Dur und Moll.
Eine herausfordernde Komposition, deren Weg, bildlich gesprochen, vom Dunkel ins Licht oder, wie es hier angemessener wäre, vom Kampf zum Sieg führt. Die Sätze 1 und 2 sowie 4 und 5, jeweils pausenlos ineinander übergehend, verwirklichen dieses Konzept: In beiden Fällen findet ein Umschlag statt, einmal von der Lähmung zum Aufbegehren, im anderen Fall vom offenen Konflikt zum finalen Triumph. Als unabhängig davon erweist sich der zentrale 3. Satz, eine Naturidylle, die denn auch als einzige ohne das Leitthema auskommt.


Die Interpretation durch das russische Nationalorchester


Dirigent Michail Pletnjow agierte einiges energischer und gestenreicher, als er das noch im ersten Konzertteil getan hatte und führte das ausgereifte, souveräne Orchester fordernd anspornend durch die Partitur. Schon die wehmütige Einleitung durch das Fagott, mit der Aufnahme des Motivs durch die Streicher, das dann überflügelt wird von Querflöte und Oboe eröffnet Einblicke in die russische Seele, die beim sich langsam aufbauenden Tutti noch verstärkt wird, bevor es durch abflauende Fagott Töne wieder zum Anfang zurück führt. Fein vibrierende erste Geigen spinnen den Bogen weiter, abgelöst von einer Querflötensequenz, die schon bald wieder mit den Streichern zusammengeführt wird. Fagott Klänge im Hintergrund werden abgelöst durch wimmernde Celli, die ihrerseits vom Gebläse zurückgedrängt werden, bevor sich eine Klarinette über alles erhebt und die Sequenz, mit vorauseilenden Streichern, über die sich wiederum die Bläser obenauf schwingen, langsam verebbt und nahtlos in den zweiten Satz, das Allegro, einmündet, das eine regelgerechte Sonatensatzform, die ein unruhig-drängendes Hauptthema mit einem kantablen Seitenthema der Klarinette kombiniert.

Andere Klangstruktur im dritten Satz, dem Andante


Im Andante, dem dritten Satz, das mit einem Dialog von Querflöte und Piccolo beginnt, nutzt Skrjabin wiederum die Sonatenform als expressiven, vorwiegend pastoral anmutenden, eigenständigen Mittelsatz in der dem C Moll weit entfernten Tonart H Dur und schildert naturhafte Entrückung mit reichlich Vogelstimmenzitaten, wie dies Olivier Messiaen später des Öftern tat.

Fulminantes Finale mit den beiden Schlusssätzen

Paukenwirbel und düstere Hornklänge künden den vierten Satz, Tempestosa, an, bei dem ein unwirsches Streicherthema den Verlauf prägt, der die eigentliche Rolle des Scherzos einnimmt.
Das Finale, der fünfte Satz, Maestoso, schließt sich attacca dem 4. Satz an. Das Leitthema erscheint nun marschartig-triumphal im C-Dur des vollen Orchesters im Stil eines Sonatenrondos. Das russische Nationalorchester, jederzeit auf der Höhe der Aufgabe, wob einen dichten, satten Klangteppich, auf dem die Solisten, bei denen besonders die Querflöte herausragte, glänzen konnten. Dies alles kongenial geleitet von Michail Pletnjow, der ein klares, dennoch auch mal nachgiebiges Dirigat praktizierte.
Verdiente Würdigung eines russischen Topkonzertes im KKL Luzern
Die Protagonisten durften sich denn über langanhaltenden, stürmischen Applaus des bestens unterhaltenen Publikums freuen. Einmal mehr ein besonderes Ereignis, dieses Konzert der Migros – Kulturprozent – Classic. Tournee III der Saison 2017/18.
LéonardWüst
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