Opéra des Nations Genf, Carmen, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Grand Théâtre de Genève, Carmen, septembre 2018 à l’Opéra des Nations Héloïse Mas (Carmen) & Ildebrando D'Arcangelo (Escamillo) Photo libre de droits, mention obligatoire : © GTG / Magali Dougados
 
Grand Théâtre de Genève, Carmen, septembre 2018 à l’Opéra des Nations Héloïse Mas (Carmen) & Ildebrando D'Arcangelo (Escamillo) Photo libre de droits, mention obligatoire : © GTG / Magali Dougados
Zum Saisonauftakt wird im Thèâtre des Nations in Genf Bizets «Carmen» gezeigt. Regisseurin und gleichzeitig verantwortlich für die Bühnengestaltung ist Reinhild Hoffmann, vor allem bekannt für ihre Pionierarbeit im deutschen Tanztheater.

Ein riesiger, dunkelblauer Fächer dient als Theatervorhang und ab und an auch als Projektionsfläche für kurze Videoeinspielungen zwischen den Akten. Nach der Ouvertüre - und dem ersten Auftritt des Todes – öffnet er sich und gibt den Blick frei auf ein reduziertes aber in seiner Reduziertheit faszinierendes Bühnenbild. Der Boden ist übersät mit schwarzen Konfetti, einige Silbrige blitzen da und dort auf, die Rückwand ist komplett schwarz, ein paar Tische aus hellem Holz sind und bleiben die einzigen Requisiten. Sie werden aber gekonnt eingesetzt, um szenisch immer wieder eine andere Atmosphäre zu schaffen. Überraschend, wie wenig es dazu braucht!


Ausdrucksstarke Bilder

Hoffmann überzeugt mit starken Bildern. Und auch wenn diese nicht unbedingt das feurig Spanische darstellen, sind sie von grosser Intensität. Oft stehen sich die Agierenden in Gruppen gegenüber, als wollten sie die zwei Welten des Don José und der Carmen symbolisieren. Auch kleine Gruppen werden sorgfältig arrangiert: wenn die drei Zigeunerinnen rechts und links von Le Dancaïre und Le Remendado flankiert dasitzen ist es, als posierten sie für ein kunstvolles Foto. Eindrücklich auch, wenn die Schmuggler sich Nachts rund um den «Hugel» aus Tischen niederlassen. Nichts scheint dabei dem Zufall überlassen und doch liegen die schwarzen Gestalten wie zufällig herum, das wirkt wie ein altes Gemälde.

Die Stimmung ist selten ausgelassen in dieser Carmen, das Unheil scheint allgegenwärtig, der Tod ist es auch, erscheint immer wieder mit Maske, Hut und schwarzem Mantel, entweder in weiblicher Begleitung oder allein an einem Tisch sitzend, mit dem Rücken zum Publikum, was ihn nicht minder bedrohlich macht.


Reduzierte Farben

Die Kostüme (Andrea Schmitt-Futterer) sind ähnlich reduziert. Die Soldaten tragen sandfarbenen Uniformen, die Arbeiterinnen der Tabakfabrik mehrheitlich Schwarz mit teilweise crèmefarbenen Röcken oder Blusen. Einziger Farbtupfer ist Carmens roter Schal. Lediglich Micaëla fällt aus dem Rahmen mit einem hübschen unschuldig-hellblauen Kleid. Im letzten Akt sind es vor allem die blütenweissen Hemden der Kinder, ihre roten Tücher und die in all dem Schwarz grell wirkenden Orangen, welche spannende Farb-Akzente setzen.


Herausragende Carmen

Eine dunkle, dramatische Inszenierung der Carmen, von Beginn an. Ekaterina Sergeeva gibt ihrer Figur aber die wilde Entschlossenheit, die Lebenslust und den Stolz durch ihre herausragende Stimme. Sie besitzt ein unglaubliches Stimmvolumen und Modulier-Möglichkeiten von flüsternd-leise über leidenschaftlich-dramatisch bis verführerisch-stolz. Sie spielt mit ihrer Stimme, wie sie mit den Männern spielt. Daneben kann leider Sébastien Guèze als Don José nicht ganz mithalten. Seine Stimme scheint sich vor allem im ersten Teil nicht wirklich befreien zu können. Als Darsteller nimmt man ihm auch eher den scheuen Muttersohn ab als den vor Wut und Enttäuschung rasenden Liebhaber. Mary Feminear ist mit ihrem hellen, klaren Sopran eine wunderbare Micaëla und überzeugend in den Nebenrollen auch Mercédès (Héloise Mas) und Frasquita (Melody Louledjian), Le Dancaïre (Ivan Thirion) und le Remendado (Rodolphe Briand). Die Kinder spielen und singen mit einer herrlichen Unkompliziertheit und der Genfer Chor begeistert einmal mehr!

Das Orchestre de la Suisse Romande unter John Fiore treibt das Ganze mit viel Schwung und Verve voran, intoniert die bekannten Weisen melodiös und harmonisch und pendelt mühelos zwischen Folklore und tragischen Themen. Das Orchester schaffte es, das Feurige der Partitur zu übersetzen und es ab und an einfliessen zu lassen, wo es auf der Bühne manchmal etwas fehlt.

Es ist eine ungewöhnliche Inszenierung, eher verhalten aber unglaublich sorgfältig und stringent von Anfang bis Schluss. Weder Bühnenbild noch Kostüme lenken ab von der Musik und den Stimmen, die Premieren-Besucher erlebten drei Stunden Bizet pur und bedankten sich mit viel Szenen- aber vor allem mit viel Schlussapplaus. www.gabrielabucher.ch www.leonardwuest.ch www.geneveopera.ch/accueil/ Für aktuelle regionale Nachrichten und Kultur aus der Innerschweiz besuchen Sie die www.innerschweizonline.ch Aktuelles regionales und Kultur aus dem Ruhrgebiet finden Sie auf www.bochumer-zeitung.com
Gabriela  Bucher - Liechti
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