Opéra des Nations Genf, Le Baron Tzigane (Der Zigeunerbaron), 27. Dezember 2017, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

  «Was für eine verworrene Geschichte» sagte eine Besucherin zu ihrer Begleiterin und legte das Programmheft des «Le Baron Tzigane», welcher über die Festtage im Théâtre des Nations in Genf aufgeführt wird, zur Seite. Die Geschichte dieser Operette von Johann Strauss ist tatsächlich etwas verworren. Der verarmte Sándor Barinkay kehrt aus seinem Exil nach Hause zurück und stellt fest, dass der Besitz seiner Eltern einerseits von einem Schweinezüchter, andererseits von einer Gruppe Zigeuner beschlagnahmt und besetzt worden ist. Nun gilt es, diesen Besitz zurückzuerhalten, zudem geht‘s um einen verborgenen Schatz, natürlich darf die Liebe nicht fehlen, ein Krieg kommt vor, es gibt ein paar Irrungen und Wirrungen und schlussendlich selbstverständlich ein Happy End.


Johann Strauss vs. Jacques Offenbach

Regisseur Christian Rätz und Dramaturgin Agathe Mélinand haben gemeinsam Dialoge gestrichen und präsentieren eine gekürzte Version, welche aber immer noch über zwei Stunden dauert, und nicht ganz unwichtig, es wird Französisch gesungen und gesprochen. Während diese Wahl dem Wunsch entgegen kommt, den Romands diese Operette näher zu bringen, entzieht sie sich damit etwas den Deutschsprechenden. Es wirkt leicht befremdlich, die gängigen Melodien in Französisch zu hören und fühlt sich ein bisschen an, als hätte sich Strauss bei Offenbach bedient oder anders herum.

Davon abgesehen hat die Produktion im Théâtre des Nations Etliches zu bieten: Die Handlung wird in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gesetzt und als Gesellschaftsspiel präsentiert. Die Bühne ist ein riesiges, leicht geneigtes Spielbrett, wie man es z.B. von «Monopoly» kennt. Die Spielfelder werden wahlweise als Fensterluken, Verstecke oder Schatzkammern eingesetzt. Grosse Spielkarten dienen als Regieanweisungen fürs Publikum oder für die Sänger. Die Schweinefamilie, welche bei jedem neuen Akt ihren legitimen Platz im Geschehen einnehmen will, wird der Bühne verwiesen mit einer Schweineverbotskarte. Schweine sind nicht erwünscht, obwohl sie im Stück für Reichtum stehen. Das Spielbrett verkommt auch mal zum Kampfring, im dritten Akt stehen verteilt rote Miniaturen diverser Wahrzeichen Wiens, hier ist man definitiv bei «Monopoly» angelangt.


Unglaubliche Kostümvielfalt

Die Kostüme (Leslie Travers) – witzig, fantasievoll und voller Anspielungen – sind ein echter Hingucker. Der Schweinezüchter-Clan kommt in zartem Fleischrosa und septischem Weiss daher, die Zigeuner sind Rocker, Biker, mit Lederjacken, Bandanas, Sonnenbrillen, Nietengürteln, eine wilde Horde. Czipra bewegt sich je nach Szene irgendwo zwischen Uriella, Cher und High-Society Lady in St. Moritz. Sáffis Jugendlichkeit wird unterstrichen durch Schlaghosen, Lockenmähne und Halsketten, Ottokars Tollpatschigkeit verstärkt durch kurze Hosen, weiss-rosa Kniesocken und rosa Mäntelchen. Die Soldaten sehen aus wie grüne Männchen einer anderen Galaxie und grossartig der Auftritt Arsenas als künftige Verlobte Barinkays: 4 Cheerleader in fleisch-rosa Kostümen kündigen sie an, sie selber erscheint in einem Kleid mit weisser Miss-Wahl-Schärpe, Krönchen im Haar, Nummer am Handgelenk und weissen Metzger-Gummistiefeln. Immer wieder entdeckt man neue Details in diesen Kostümen, die viel zum Slapstick-Charakter der jeweiligen Szene beitragen.


Rückkehr von Christophoros Stamboglis als Kálmán Zsupán

Musikalisch und stimmlich gesehen hat dieser «Baron Tzigane» ebenfalls Einiges zu bieten: Das Orchestre de la Suisse Romande zeigt viel Spielfreude und bringt den Wienerischen Schmelz und die Verve in Walzern, Polkas und Csárdás mit Leichtigkeit herüber. Der Chor überzeugt einmal mehr auf der ganzen Linie. Jean-Pierre Furlan als Sándor Barinkay braucht etwas Zeit, um den warmen Klang seines Tenors zu entfalten, Eleonore Marguerre ist eine spritzige, junge Sáffi mit einem kräftigen Sopran und einer tollen Bühnenpräsenz, genauso Melody Louledjian (grossartig im 3. Akt mit «on ne connait, étant fillette») Marie-Ange Todorovitch ist eine mehrheitlich überzeugende Czipra mit einigen kleinen Schwächen in den tieferen Stimmlagen. Für diese Aufführung war Christophoros Stamboglis nach seiner Operation nach der Premiere wieder auf der Genfer Bühne und bestritt die gesprochenen Partien. Gerne hätte man ihn auch in den gesungenen gehört, seine sonore Stimme klang sehr vielversprechend. Die gesungenen Partien übernahm Randall Jakobsh von der Bühnenseite her. Lediglich in den sehr schnellen Passagen zeigte er kleine Unsicherheiten. LoÏc Felix brillierte als Ottokar, auch wenn seine Tollpatschigkeit ab und zu doch etwas strapaziert wurde.

Eine gelungene Aufführung mit vielen köstlichen Momenten, mit Slapstick, Satire, etlichen Seitenhieben, trotzdem fehlte es ein klein wenig an jener Leichtigkeit , die Johann Strauss Musik auszeichnet.
GabrielaBucher
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