Mehr als nur passende Steckdosen

Brugg: Hightech Zentrum Aargau | Stecker die passen, Kupplungsstücke die ineinander greifen, digitale Schnittstellen die funktionieren: Wenn Form, Grösse und Ausführung gleichartiger Produkte vereinheitlicht – genormt – werden, können sie einfach und ohne grossen Aufwand ausgetauscht werden. Wer bestimmt diese Normen und welche setzen sich in der aktuellen technologischen Entwicklung „Industrie 4.0“durch? Gibt es auch im Bereich „Open Source“ Lösungen? Im Rahmen einer Veranstaltung im Hightech Zentrum Aargau wurden diese Fragen so weit wie im Moment möglich beantwortet.

Standards und Normen sorgen dafür, dass unterschiedlichste Systeme verlässlich und effizient zusammenwirken. Dies ist ein grosser Vorteil für Konstrukteure, aber auch für die Produzente der einzelnen Komponenten. Denn: Die Normung von vielfältig einsetzbaren Einzelteilen und Konstruktionskomponenten ermöglicht deren Serien- und Massenanfertigung, was unmittelbar eine Kostensenkung und somit konkurrenzfähige Produkte mit sich zieht. Dies auch zum Vorteil der Unternehmen, welche die genormten Teile im Maschinen- und Werkzeugbau zum Einsatz bringen und so die Herstellungskosten gesenkt werden können – ein grosser Vorteil im Vergleich zu teuren Einzelanfertigungen.

Die Schweiz – eine einsame Insel?
Rund 4,2 % aller weltweit definierten Nomen gelten nur in der Schweiz, sind also mit der grossen weiten Welt nicht kompatibel. Davon sind fast die Hälfte im Strassen- und Verkehrswesen zu finden – also bei den Strassenschildern, der Strassenmarkierung und rund ein Viertel im Bauwesen. Beides Bereiche, die zwar in unserem Land reibungslos funktionieren, dort wo es jedoch Schnittstellen gibt, zu Problemen führen. Man denke zum Beispiel an die Farbgebung der Autobahnschilder – in der Schweiz Grün und im Ausland Blau oder wie mühsam es sein kann, für eine alte Küche eine passende Geschirrwaschmaschine zu finden. Urs Fischer, Vizedirektor beim Schweizerischen Normenverband SNV zeigt in seinem Referat, welche Branchenverbände sich in der Schweiz engagieren, um in Zukunft im weltweiten Handel nicht benachteiligt zu sein. „Die Welt braucht Normen. Die Beziehungen in der Uhrenbranche, in der Elektrotechnik und in der Telekommunikation sind historisch, entsprechend der vergangenen Entwicklungen, gewachsen. Aber jetzt heisst es, konkret zusammen zu arbeiten. Der SNV hat kein Interesse, reine CH-Normen zu entwickeln sondern wir möchten den KMU die Möglichkeit geben, sich im grossen Weltmarkt zu integrieren.“

Weltweite Zusammenarbeit
Wie weltweite Normen entstehen weiss Mario Fürst. Er ist Mitglied der Strategic Advisory Group und in dieser Funktion nah am Geschehen. In den letzten Monaten hat er sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und gemeinsam mit den grossen Industriepartner u. a. aus China, Deutschland, Schweden und Amerika wichtige Erkenntnisse gewonnen: „Wir haben uns einen Überblick der bestehenden Normen verschafft, definiert wo Standards Sinn machen und so herausgefunden, in welchen Bereichen im Augenblick diese noch fehlen“. Aus sieben Modellen wurde das, für aktuelle Entwicklung bestgeeignetes Modell eruiert. So wird die Advisory Group RAMI 4.0 dem technischen Management Board (TBM) der ISO vorschlagen – ein Referenzarchitekturmodell welches sicherstellt, dass alle Teilnehmer unter Industrie 4.0 das selbe verstehen. Mario Fürst schliesst sein Referat mit klaren Worten: „Das Thema kann nicht erfolgreich umgesetzt werden, wenn es nicht global geschieht.“

Frei verfügbar –open Source
Immer wieder taucht die Frage auf, ob es Sinn macht, open-Ansätze in Industrie 4.0 zu verfolgen. Marcel Bernet, ist ehemaliger Präsident von "CH Open" / Swiss Open Systems User Group. Das ist ein Verein, dessen Zweck es ist, den Einsatz von offenen Systemen und Standards in der Schweiz durch geeignete Massnahmen zu fördern. Bernet ist überzeugt: „Ja, das macht durchaus Sinn, Open Source in Industrie 4.0 zu verwenden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Open Source die Verbreitung eines Standards fördern und / oder die Entwicklung eines Standards initialisieren kann.“

Intelligentes Parkieren– Schloss Lenzburg
Zum Abschluss referierte Simon Prior, Swisscom zum Thema digitale Vernetzung. Damit Maschinen miteinander kommunizieren können, dafür braucht es passende Netzwerke – digitale Netzwerke, welche den neuen Bedürfnissen entsprechen. Anders als bei den leistungsstarken bestehenden Netzen – zum Beispiel für den Betrieb von Mobiltelefonen – werden im Bereich Internet of Things in der Regel nur kleine Datenmengen ausgetauscht. Mit dem Low Power Network LoRa deckt der Anbieter dieses Kundenbedürfnis ab. Grosse Pilotversuche in Zürich und Genf liefern bereits wichtige Erkenntnis. Im Kleinen funktioniert es bereits sehr zufriedenstellend. Ein Beispiel: Dank einer neuen Anlage auf dem zentralen Parkplatz beim Schloss Lenzburg wird verhindert, dass die Quartierstrassen rund um das Schloss unnötig mit Autoverkehr belastet werden denn: Ist der Parkplatz voll, so wird das dem Besucher früh genug angezeigt und er kann eine andere Lösung suchen.
In der Abschliessenden Podiumsdiskussion wurden viele Fragen gestellt und umgehend kompetent beantwortet. Normen und Standards, ein wichtiges und ernstes Thema – dennoch hat Urs Fischer vom SNV seinen Humor nicht verloren. “Das die Schweiz einzigartig ist wissen wir alle – jedoch weltweit eine einzigartige PC-Tastatur zuhaben, das wäre nicht nötig gewesen“.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.