Einer von 28 Beiträgen: Kreuzknatsch und Medienspektakel

    Zug: Loretostrasse 1 |

Untertitel: Ein Lehrstück zum Innerschweizer Monopolblatt

Da war einmal ein Schulhauswart, der ungefragt einem Lehrer ein grosses, eisernes Kreuz über seine Türe nagelte. Der betroffene Lehrer entfernte das Kreuz.

Die Geschichte wäre eigentlich zu Ende, wenn da nicht die lokale Zeitung wäre.

Dieses Blatt veröffentlichte trotz Redaktionsstatut, keine anonymen Leserbriefe zu veröffentlichen, einen anonymen und hetzerischen Leserbrief. Die schreibende Person war geschützt, der Angegriffene identifizierbar. Der Leserbrief enthielt Unwahrheiten, persönliche Angriffe und Unterstellungen. Der Brief gipfelte in der rhetorischen Frage, „Kommt es so weit, dass alle christlichen Kirchen die Kreuze auf dem Dach abschrauben müssen?“

Die Schulhausleitung reagierte gleichentags bei der Zeitung mit Missfallen. Sie erfuhr, der Zuger Chefredaktor hat diesen Brief abgesegnet.

Die Zeitung veröffentlichte vier Tage später einen zweiten anonymen Leserbrief, der ebenso mich disqualifizierte und mit Fremdenangst und Untergangsängsten bespickt war.

Im nächsten Akt des Kreuzdramas reagierte die Schulleitung. Sie stellte sachlich und prägnant die Situation dar. „Anonymer Angriff gegen Religionslehrer“, lautet der Leserbrief. Die Leserbriefe wurden als unfaire, anonyme Angriffe gegen den Religionslehrer bezeichnet. Damit stützte mich die Schulleitung.

Schulhausintern war die Herkunft des anonymen Leserbriefes bekannt. Das Hauswartspaar hatte ihn selber verfasst. Sie fanden es nicht nötig, das Gespräch mit dem Direktbetroffenen zu suchen. Sie gelangen auch nicht an die Schulleitung, obwohl dies eine interne Regelung ist. Sie wussten nicht einmal, dass der Unterricht interkonfessionell geführt wird und für alle ist. Darauf erhielt das Hauswartspaar einen Verweis. Der Zeitungsredaktion wurde dieser Sachverhalte mitgeteilt.

Die unsägliche Zeitung gab nicht auf. Sie wollte einen Skandal. Und ich sollte herhalten. In Bayern brandete ein verfassungsmässiger Kreuzknatsch, den sie meinten, der könne sich in Zug wiederholen. Eine Journalistin der Neuen ZZ wollte eine Reportage mit Fotos zu mir machen. Ich lehnte dankend ab.

Acht Tage später lautete der Aushang der Neuen LZ und der Neuen ZZ „Streit um Kruzifix im Schulzimmer“. – Im Schulzimmer war schon einmal falsch, das Kreuz sollte über der Türe ausserhalb prangen. Im Zentrum des Artikels war ein Interview mit Josef Hochstrasser, Religionslehrer der Kantonsschule Zug. Das Interview enthielt viele Fehler und Falscheinschätzungen. Josef Hochstrasser entschuldigte sich nachträglich dafür. Unentschuldbar war jedoch die reisserische Aufmachung der Zeitung auf der Titelseite. Der Kreuzaufhänger wurde als freundlicher Typ geschildert, der den Religionslehrer überraschen wollte. Der Religionslehrer wurde als undankbarer Typ dargestellt, der keine „überschwängliche Freude“ zeigte, sondern verärgert reagierte. Nirgends stand, dass das Kreuz gross und überhaupt nicht „künstlerisch“ war. Das Kreuz wurde ungefragt über die Türe im Aussenbereich angebracht. Alle, die das Schulzimmer betreten, müssen unter diesem schmiedeeisernen Kreuze eintreten. Sowohl für Konfessionslose, die besuchten den Unterricht auch, als auch für Nichtchristen und für Christen war das Kreuz deplatziert. Die Symbolik des schweren Kreuzes über der Türe glich dem herrschaftlichen Spruch, „Unter diesem Kreuze sollt ihr kriechen.“

Wer so prominent einen Knatsch futtert, der nährt und pflegt ihn weiter. Die Telefonate liefen im Schulhaus heiss. Einen anonymen Leserbrief erhielt ich im Schulhaus, er war jedoch an Mr. Josef Hochstrasser adressiert. Zahlreiche Leserbriefe folgten. „Ist es ein Kreuz mit den Religionslehrern in Zug?“, lautete der eine Titel. Der Titel zu vier Leserbriefen lautete, „Warum können wir Schweizer nicht zu unserer Religion stehen?“. Der Kirchenrat meldete sich. Ich wurde im Unterricht besucht.

Mein nächster Schritt bestand darin, den Leserschaftsrat und den Chefredaktor zu informieren und anzurufen. Ich beanstandete fünf Punkte.
1. Anonymer Angriff auf meine Person
2. Verletzende Äusserungen
3. Berufsschädigende und berufserschwerende Angriffe
4. Mehrarbeit
5. Plattform für Fremdenfeindlichkeit
Stefan Ragaz, damaliger Chefredaktor Stellvertreter, schrieb mir am 25.4. Er meinte: „dass Sie in der Berichterstattung nicht so schlecht wegkommen, wie Sie es empfinden, sondern als ein Mensch mit Courage, der weiterdenkt. “Erst nach einer Mahnung meldete sich am 23.7. der Präsident des Leserschaftsrates, Peter Schulz. Er schrieb: „Die Veröffentlichung dieses Briefes ist aus meiner Sicht unakzeptabel.“ „Die Bemerkung: ‚Was ist das für ein Religionslehrer ... ‚ hat einen beleidigenden Charakter und hätte, bei aller kommentierenden Freiheit in Leserbriefen, von der Redaktion gestrichen werden müssen, ...“ Danach beschreibt er, was die Redaktion gut leistete. Er bedauerte, dass ich selber nicht an die Öffentlichkeit gelang. Zum Schluss erhielt ich Tipps für den Unterricht und die Zimmergestaltung. Ein weiterer Briefwechsel folgte, bis ein abschliessendes Gespräch mit Stefan Ragaz im Opus stattfand.

Dieses Gespräch war enttäuschend. Zwar entschuldigte sich Stefan Ragaz für die redaktionelle Fehlleistung. Die von Peter Schulz kritisierte unakzeptable Veröffentlichung des Leserbriefes hatte keine weiteren Konsequenzen. Der beleidigende Charakter der Briefe und die beleidigende Titelsetzung der Redaktion waren Fehler und dies musste das Opfer einfach schlucken. Schon beim Hinweis, die Redaktion sei eine Plattform für Fremdenfeindlichkeit und fördere die Ängsten vor der Multikultur, wurde zurückgewiesen. Anstatt vorwärtsschau-end nach der staatlichen Verantwortung zu fragen, thematisiert die Zeitung kulturelle Vorherrschaft und die Angst vor gegenseitigem Lernen. Dazu wollte Ragaz und Schulz nicht diskutieren. Für die über 30 Stunden Aufwand und die emotionale Anspannung erhielt ich nichts als Erklärungen. Selbst dieses gut stündige Gespräch konnte ich nicht wie Ragaz als Arbeitsleistung verrechnen. Für die konservative Zeitung war das Thema gegessen. Sie hatte ihre Aufmerksamkeit und sie hatte ihr Klientel mit emotionalen Geschichten bedient.
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